Der Kommentar: «Ihr Schweizer seid zu beneiden!»: Immer wieder passiert es mir, dass mich Berufskollegen aus anderen Ländern auf die Situation in der Schweiz ansprechen. «Wie schafft ihr Schweizer das», fragen sie, «so hohe Lebensqualität und Innovationskraft, so tiefe Arbeitslosigkeit und Steuern, dazu Sicherheit und Stabilität – ein Paradies!» Zum Glück sehe ich keinen Grund, diesen Kollegen zu widersprechen. Ich mache ihnen aber auch deutlich, dass diese aussergewöhnlich privilegierte Situation unseres Landes und der Erfolg unserer Wirtschaft kein Zufall seien.

Einer der Hauptpfeiler des Erfolges unseres Landes, aber auch eines grossen Industrie-Unternehmens wie Alstom, sind die flexiblen Rahmenbedingungen unseres Arbeitsmarktes:
> Im Vergleich zu Nachbarländern wie Frankreich oder Deutschland ist unser Arbeitsrecht vernünftig und fair – und nicht Boxarena von politischen Kontrahenten.
> Das Verhältnis zwischen Arbeitnehmenden und Arbeitgebern und die betriebliche Mitbestimmung sind bei uns in der Regel lösungsorientiert und pragmatisch – und nicht vergiftet von geltungssüchtigen, bisweilen militanten Gewerkschaften.
> Der freie, unkomplizierte Personenverkehr zwischen der Schweiz und der EU schliesslich ist von grösster Bedeutung für diesen Erfolg.

Alstom Schweiz beschäftigt in Baden, Birr, Oberentfelden, Turgi und Neuhausen am Rheinfall rund 6500 Mitarbeitende aus fast 90 Nationen – darunter gut 2300 Ingenieure. Alstom ist der grösste private Arbeitgeber im Kanton Aargau und schafft durch die Auftragsvergabe in der Schweiz rund 5000 zusätzliche Arbeitsplätze. Als Personalchef dieses bedeutenden Industrieunternehmens staune ich, wie leichtfertig eine politische Partei zentrale Erfolgsfaktoren unserer Wirtschaft aufs Spiel setzt. Es müsste doch auch die SVP interessieren, wie die Realität aussieht bei Alstom und zahlreichen anderen Betrieben, welche jedes Jahr Zehntausende von Personen rekrutieren.

Tatsache ist, dass bei Alstom Schweiz 64 Prozent aller Neuanstellungen in den letzten zwei Jahren Mitarbeitende aus der EU waren, vorwiegend aus Deutschland, Frankreich, Italien und England. Auch für Alstom wäre es am einfachsten, alle Mitarbeitenden nur in der Schweiz zu rekrutieren: wenig Aufwand, gute Ausbildung, rasch erledigt . . . Trotz konsequenter Ausschreibung aller offenen Positionen in der Schweiz können aber rund 75 Prozent dieser Positionen nicht im Heimmarkt gefunden werden: Wir suchen oft sehr qualifizierte Spezialisten für technische Funktionen, insbesondere im Bereich Forschung und Entwicklung (F&E), von denen es in der Schweiz oft fast oder gar keine geeigneten Kandidaten gibt.

97 Prozent der Produkte und Dienstleistungen von Alstom Schweiz werden exportiert. Export bedingt zwingend Innovation: Ohne permanente Forschung und Entwicklung drängen uns Märkte mit tiefen Kosten blitzartig aus dem Wettbewerb. Ohne unkomplizierten Zugang von qualifizierten Mitarbeitenden aus der EU würde Alstom Schweiz sehr bald der Schub für weitere Innovationen abgewürgt. Der Standort Schweiz des konzernweiten Kompetenzzentrums für F&E und damit Tausende von Stellen wären gefährdet, ein sinnloser bürokratischer Mehraufwand würde die ohnehin schon hohen Kosten in der Schweiz weiter in die Höhe treiben.

Damit nicht genug: Bei einer Annahme der SVP-Initiative würden, aufgrund der «Guillotine-Klausel», alle 7 Abkommen der Bilateralen I wegfallen. Auch hier wären die Folgen für die Industrie verheerend: Unsere Firmen würden vom sehr grossen und wichtigen Beschaffungsmarkt der EU ausgesperrt, unsere technischen Produkte hätten keine automatische Marktzulassung mehr in der EU, und innovationsstarke Firmen wie Alstom würden abgeschnitten von den EU-Forschungsprogrammen, einem der wichtigsten Innovationsnetzwerke der Welt.

Zusammengefasst: Eine Annahme der SVP-Initiative wäre eine Guillotine für den Erfolg der Schweizer Wirtschaft. Mitleidig würden meine Berufskollegen aus anderen Ländern bald grinsen: «Ihr Schweizer seid ja wirklich nicht zu beneiden . . .!» Dazu dürfen wir es nicht kommen lassen. Als Vertreter der Schweizer Industrie lehne ich diese selbstmörderische Initiative daher laut und deutlich ab.

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