Der Kommentar: Die Wirtschaft boomt, freute sich die Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die Euro-Krise habe sie im Griff, meinte sie. Eine Fehleinschätzung. Seit 18 Monaten kämpfen die europäischen Staats- und Regierungschefs mit der Staatsschuldenkrise, hangeln sich von einem Gipfel zum nächsten, ohne das Problem zu lösen. Viele Details sind auch nach dem Gipfel in Brüssel ungeklärt. Die Kanzlerin taktiert, kann dem Bürger nicht einmal sagen, wie stark er zur Kasse gebeten werden wird.

Merkels Hauptschwäche: Sie versteht die Finanzmärkte nicht. Statt das Übel bei der Wurzel zu packen, zündete sie die Nebelpetarde, dass Privatgläubiger beteiligt werden sollen. Der erzielte Kompromiss ist ein fauler. Die Probleme der Überschuldung und fehlenden Wettbewerbsfähigkeit Griechenlands sowie die anhaltende Schuldenorgie in Europa bleiben ungelöst. Wie hilflos die politische Elite Europas unter dem Druck der Finanzmärkte laviert, zeigt die Serie der gravierenden Tabubrüche in den letzten Monaten. Erst hiess es, keine Hilfe für Griechenland, jetzt folgte das zweite Rettungspaket; der Marsch in die Transferunion ist ein Verstoss gegen den EU-Stabilitätspakt; dann musste die Europäische Zentralbank Staatsanleihen aufkaufen – und wurde Partei.

Und nun wälzen Merkel und Sarkozy die Schulden auf alle EU-Partner ab. Diese Politik der Lastenteilung wird den Schlendrian bei der Haushaltsführung beschleunigen. Bundesbankpräsident Jens Weidmann schlägt jetzt Alarm. Durch die Verlagerung der Risiken würden die Grundlagen der Währungsunion geschwächt, es werde künftig «noch schwieriger, die Anreize für eine solide Finanzpolitik aufrechtzuerhalten». Das ist eine schallende Ohrfeige für die Kanzlerin von ihrem ehemals engsten Mitarbeiter. Zu Recht.

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