Der Kommentar: Es war ein surrealistischer Vorgang. Zwei Wochen lang wusste niemand wirklich Bescheid, aber alle hatten eine Meinung. Erst gestern Samstag, als sich Tito Tettamanti in ausführlichen Interviews äusserte, wurde einiges klar. Die angestrebte Trennung von Zeitungs- und Druckgeschäft war und bleibt eine naheliegende Idee. Ringier hat das schon 1997 gemacht.

Zwei Vorteile sprechen dafür: Die Druckerei wird bündnisfähig (was Ringier mit «Swissprinters» realisiert hat). Und wenn der Himmel einstürzt, sind nicht alle Spatzen tot; die Druckerei mag untergehen, die Zeitung bliebe bestehen. Um diese Idee zu haben, hätte es wohl Blochers Robinvest nicht gebraucht. Aber der Industrielle Blocher hat bewiesen, dass er gute Konzepte auch unnachgiebig durchsetzen kann. Als er die Ems-Chemie übernahm, hat er von Kunststoffchemie auch nicht allzu viel verstanden. Aber er hat die richtigen Stellschrauben betätigt.

Indem er rücksichtslos auf rentable Produkte fokussiert und sich konsequent antizyklisch verhalten hat, machte er aus einer kaputten Firma eine Renditenperle. In Basel hatten Tettamanti und Blocher keine Chance, etwas Ähnliches auch nur zu probieren. Denn es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen der Kunststoffchemie und der Medienindustrie. Letztere wird entscheidend von weichen Faktoren und von starken Emotionen bewegt.

Vor allem regionale Zeitungen, auch wenn sie privatwirtschaftliche und in der Regel nicht einmal börsenkotierte Unternehmen sind, werden von ihrer Primärkundschaft, dem lesenden Publikum, als Bestandteile des öffentlichen Versorgungssystems wahrgenommen wie etwa das Wasserwerk. Politiker und andere Meinungsführer vereinnahmen sie gern als Botschafter und Standortfaktoren der Region.

Das muss aber nicht Liebe sein: Das Fusionsprodukt «Basler Zeitung» wurde auch zu den Zeiten der hochanständigen Verlegerfamilie Hagemann nicht geliebt, sondern immer wieder hart und bitter gescholten. Kaum aber wurde – vermutlich durch die absichtsvolle Indiskretion entweder eines Konkurrenten oder aus der eigenen Redaktion – bekannt, dass sich zwei ausserbaslerische und kantige Persönlichkeiten an dem Blatt zu schaffen machten, brach der Sturm der Empörung los.

Da schwangen freilich viele falsche Töne mit: zunächst blinder Hass auf alles, was nach Blocher roch (als ob der Mann nicht enorme Problemlösungsfähigkeiten bewiesen hätte). Dann das kalte Kalkül der Politiker, die nicht müde werden, die privaten Medien mit Forderungen einzudecken und gleichzeitig jede Wettbewerbsverzerrung durch die SRG bereitwillig abzunicken. Schliesslich die mangelnde Geistesgegenwart der meisten Journalisten, die in eigener Sache schnell nur noch hyperventilieren, statt zu analysieren.

Klar, es war eine Instinktlosigkeit ohnegleichen, Blocher als «Berater» beizuziehen. Tettamanti hatte hinterher immerhin die Grösse, öffentlich einzugestehen, er habe diese weichen Faktoren, vor allem die Empfindlichkeit des Basler Publikums, unterschätzt. Aber es war auch eine kaum zu übertreffende intellektuelle Zumutung von allerhand Politikern und Kommentatoren, zu unterstellen, die BaZ hätte ein SVP-nahes Parteiblatt werden sollen. Parteizeitungen haben sich in der Schweiz seit den 1980er-Jahren historisch erledigt, denn mit den Zeiten hat sich auch das Publikum geändert.

Die Leute sind heute kritisch, aufgeklärt, welterfahren und weniger an Parteien und Kirchen gebunden als an Interessen und Klassenzugehörigkeit. Moderne Leserinnen und Leser hassen es, indoktriniert zu werden, sie verlangen Information, Analyse, Service und Unterhaltung auf starken regionalen Plattformen, die ihre Unabhängigkeit beweisen, indem sie grundsätzlich für alle offen sind, die etwas zu sagen haben.

Und nun zum 67-jährigen Jungverleger Moritz Suter: Nach der gewaltigen Publizität, die den Unternehmenswert der BaZ mit Sicherheit gesenkt hat, mag er günstig zu der Firma gekommen sein. Aber kein einziges Problem der BaZ ist durch den Wirbelsturm gelöst worden. Sind Suters Taschen auch tief genug für die laufenden Betriebsverluste? Suter wird nicht darum herumkommen, öffentlich Klarheit zu schaffen über seine Finanzverhältnisse. Der Druck der anderen Medien, die ja bekanntlich die Öffentlichkeitsarbeit der Konkurrenz besorgen, wird nicht aufhören, bevor er restlose Transparenz geschaffen hat.