Gewiss, es gibt Unterschiede im Stimmverhalten zwischen Jung und Alt. Sie sind aber im Gegensatz zum Stadt-Land-Graben, der sich verlässlich aus den Abstimmungsergebnissen herauslesen lässt, nicht mit Zahlen und Fakten erhärtbar. Der angebliche Generationenkonflikt kann darum beliebig bewirtschaftet werden. Das geschieht meist dann, wenn jemandem ein Volksentscheid nicht passt. Diese Woche schrieb die Zürcher SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr auf Facebook: «Wie wärs, liebe Jungparteien, mit einer Initiative für ein gewichtetes Stimmrecht? 18- bis 40-Jährige haben 2 Stimmen, 40- bis 65-Jährige 1,5 Stimmen und über 65-Jährige 1 Stimme.» Die Wirtschafts-Denkfabrik Avenir Suisse wiederum lancierte die Idee, allen Kindern ab Geburt das Stimmrecht zu geben, das bis zum 18. Geburtstag von den Eltern wahrgenommen würde.

Die Vorstellung, dass ich als 41-jähriger Vater dreier kleiner Kinder eineinhalb Stimmen (Idee Fehr) oder gar vier Stimmen (Idee Avenir Suisse) haben könnte, ist bizarr. Zumal es keineswegs sicher ist, ob ich eher im Sinn der künftigen Generationen abstimme als beispielsweise meine 67-jährige Mutter, die Grossmutter von elf Enkelkindern ist und bei AHV-Vorlagen sicher nicht nur an ihre eigenen Interessen denkt. Genau auf dieser Annahme beruhen ja die Vorschläge: Jeder stimmt so, dass er maximal profitiert. Wäre das so, warum haben dann die Schweizer gegen mehr Ferien und für Steuererhöhungen votiert?

Vieles deutet darauf hin, dass sich die Generationen heute besser verstehen denn je. Noch nie waren Grosseltern so engagiert in der Kinderbetreuung wie heute; manches Elternpaar könnte sonst Familie und Beruf nicht vereinbaren. Man hört dieselbe Musik (was der jüngsten Generation manchmal peinlich ist), schaut dieselben Filme, liest dieselben Bücher. Weil wir immer älter werden, leben vier Generationen gleichzeitig und bringen ihre eigenen Erfahrungen ein. Der HSG-Professor und Altersforscher Peter Gross vertritt die These, dass sich in der «Langlebigkeitsgesellschaft» der Zusammenhalt verbessert: Sie schütze und sei widerstandsfähig wie ein Schutzwald, der aus unterschiedlich alten Bäumen bestehe.

Diktatur der Alten? Unsere Alltagserfahrung lehrt uns anderes. Der Generationengraben wird herbeigeschrieben und herbeigeredet. Hören wir auf damit!

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