Der Kommentar: In wenigen Tagen ist Weihnachten. Der tiefere Grund für dieses Fest liegt in der Erinnerung an die sagenumwobene Geburt eines gewissen Knaben namens Jesus. Das war vor zweitausend Jahren. Menschen feiern dieses damalige Ereignis noch heute. Doch es werden wohl auch in diesen besinnlichen Adventstagen wieder Abtreibungen vorgenommen. Hier die gefeierte Geburt eines Kindes, da der Tod von Kindern. Eine Spannung, die mich umtreibt.

Die Initiative «Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache» ist im vergangenen Juli mit 110 000 Unterschriften eingereicht worden. Das Initiativkomitee verlangt, dass Abtreibungen nicht mehr von der Krankenversicherung bezahlt werden, denn Abtreibung sei keine Krankheit. Auf dem Prüfstand steht also die Solidarität aller Versicherten unserer Gesellschaft mit Frauen, die keinen anderen Ausweg mehr sehen als ihre Leibesfrucht abzutreiben. Ist die Frage erlaubt, ob Solidarität nur auf diese Weise sinnvoll ist? Wäre ein anderer Weg ethisch womöglich wertvoller?

Ich erachte eine finanzielle Solidarität mit Abtreibenden für einen kalten und technischen Verwaltungsakt. Irgendein paar Franken meiner Krankenkassenprämie gehen anonym an eine notleidende Frau. Diesen finanziellen Beitrag gönne ich ihr gerne. Aber der Weg scheint mir elend billig zu sein. Ich halte entschieden viel mehr von einer humanen Solidarität. Menschen im Umfeld einer in Not geratenen schwangeren Frau stehen dieser mit allen zur Verfügung stehenden Kräften und Kompetenzen bei. Wer auf langfristige und wirksame Weise solidarisch sein will, packt zu, wirft dem Bedürftigen nicht aus Distanz eine Münze zu und wähnt sein Gewissen damit beruhigt. Die Stärke unserer Gesellschaft soll sich nicht vom Geldbeutel nähren, sondern von spürbarer menschlicher Hilfestellung. Ist ein solcher Vorschlag zur Solidarität nur einfach von vorgestern?

Eine ungewollte Schwangerschaft belastet eine betroffene Frau und ihr Umfeld schwer. Es gibt zwar den viel zitierten Aufruf: «Du sollst nicht töten.» Allein, er ist mir viel zu undifferenziert. Ich bin Situationsethiker und entsprechend der Meinung: Ein Problem muss unter Einbezug aller Komponenten individuell betrachtet und gelöst werden. Vielfach staune ich, wie nonchalant eine Abtreibung befürwortet wird, als ob es um die Frage ginge, einen Altersfleck wegzumachen oder nicht. Modern gilt, wer Abtreibungen befürwortet. Ich frage: Ist, was abgetrieben wird, ein Mensch oder eine Sache? Wird dabei Abfall entsorgt oder ein Mensch getötet? Meines Wissens entsteht bei der Verschmelzung einer Samenzelle und einer Eizelle zweier Menschen weder eine Tomate noch ein Murmeltier, sondern mit Sicherheit ein Mensch. Unsere Gesellschaft ist sich allerdings längst gewohnt, täglich mit Tötungen fertig zu werden. Emotionslose Abstumpfung à la altrömische Kaiser: Daumen hoch oder runter. Ist das begrüssenswert oder bedauerlich? Wir müssten unsere Ehrfurcht vor dem Leben ja nicht gleich derart extrem leben wie die hinduistischen Jainas, die sich stets nur mit äusserster Vorsicht bewegen, um nicht unabsichtlich etwa ein Insekt zu zerquetschen oder einen Grashalm zu zertrampeln und damit Leben zu töten.

Abtreibung muss auch in meinen Augen eine Option bleiben dürfen. Wer abtreibt, muss sich aber schon fragen, was sie oder er tut. Falls man sich dabei bloss einer lästigen Sache entledigt, bleibt die Schwere der Konsequenz an einem kleinen Ort. Wegwerfen. Fertig. Kein Gedanke mehr daran. Wenn Betroffene eine Abtreibung als töten erachten, wiegt die entsprechende Verantwortung unvergleichlich schwerer. Mit ihr fertig zu werden, bedürfte eines grossen Masses an menschlicher Nähe und Solidarität.

Joseph, der Vater Jesu, hätte Grund genug gehabt, seinen Sohn abzutreiben. Die soziale Indikation wäre vor dem ersten Weihnachtsfest der Geschichte gegeben gewesen. Maria, seine Geliebte, erwartete ein Kind, von einem anderen Mann. Sie hätte nach jüdischem Recht dafür glatt gesteinigt werden können. Aber auch Joseph sorgte für Dynamik in der heiligen Patchworkfamilie. Er brachte sechs Kinder aus einer früheren Beziehung in die neue Partnerschaft. Trotz enormer Schwierigkeiten kam dieses ausserordentliche Kind zur Welt. Ohne finanzielle Hilfe. Man konnte im Stall auf Unterstützung einfacher Leute zählen.

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