Der Kommentar: Na und? Der Chansonnier aus dem St. Galler Oberland hatte einen Auftritt vor einem gigantisch grossen Fernsehpublikum. Einen souveränen Auftritt, darf man ergänzen. Keine Spur von Peinlichkeit, kein Anflug von Absturz. Von der Heide wird, so viel ist klar, niemals mehr in seinem Leben eine solche Plattform haben. Nur zum Vergleich: Er müsste – konservativ gerechnet – ungefähr 40 000-mal den grossen Saal des Zürcher Kongresshauses ausverkaufen, um eine vergleichbare Menschenmenge zu erreichen wie am vergangenen Donnerstag.

Nach DJ Bobo (2007), Paolo Meneguzzi (2008) und den Lovebugs (2009) ist Michael von der Heide der vierte Schweizer Künstler in Folge, der am Contest ohne Fortüne aufgetreten ist. Mit Ausnahme von DJ Bobo, dessen Debakel selbst verschuldet war, haben alle vom grossen TV-Event profitiert. Nicht, dass aus Meneguzzi jetzt ein Broadway-Star geworden wäre oder dass die Lovebugs nun die ganz grossen Konzerthallen füllen würden. Aber alle haben ihren Bekanntheitsgrad steigern können. Und damit den Marktwert. Das ist nicht nichts im mörderischen Show-Business.

Deshalb ist mir unverständlich, weshalb nun wieder der beleidigte Ruf erklingt, Fahnenflucht zu begehen und den grössten Liederwettbewerb der Welt künftig zu boykottieren. Die Schweiz sollte im Gegenteil die Gunst der Stunde nutzen: Etwas «Schlimmeres», als die Finalqualifikation zu verpassen, kann nicht passieren. Also kann man ruhig auch ein grösseres Risiko eingehen.

Denken wir mal ein bisschen quer! Wo gibt es ein Sammelbecken voller wundervoll klingender Naturstimmen? Richtig: in der Volksmusik. Unter den Jodlerinnen hats Duette und Terzette, die so glockenrein zu singen verstehen, dass es dem grössten Ignoranten das Wasser in die Augen treibt.

Dieses Potenzial müsste einmal angezapft werden. Ein einfaches, aber nicht simples Lied, mehrstimmig a cappella vorgetragen, warum nicht mit einem virtuosen Jodel verziert – die perfekte Überraschung! Nicht zu vergessen: Ethno liegt am ESC seit Jahren im Trend. Und, wie gesagt, wer nichts zu verlieren hat, kann nur gewinnen.