Der Bericht dokumentiert, wie Libyens Diktator gleich drei Bundesräten auf der Nase herumgetanzt ist. Erstens Pascal Couchepin, dem Bundespräsidenten des Jahres 2008, der auf einen Brief des Bedauerns von Gaddafi nicht mal eine Antwort kriegte.

Zweitens der Aussenministerin Micheline Calmy-Rey, die Libyen 100 000 Franken anbot, worauf Gaddafi 1 Million Franken und dann sogar 20 Millionen Euro wollte. Und drittens, natürlich, dem aktuellen Bundespräsidenten Merz.

Der «Sonntag» hat Merz bisher zwar Fehler bei seiner Libyen-Operation vorgeworfen, ihm aber auch zugute gehalten, dass er in hehrer Absicht handelte und ein persönliches Risiko einging, um die zwei Geiseln zu befreien. Nun zeigt der Bericht jedoch, dass Merz den Bundesrat hinters Licht führte.

Am 19. August sagte Merz dem Bundesrat, «dass er vorläufig nicht gedenke, nach Libyen zu reisen». Dabei stand das Reisedatum des 20. August bereits seit dem 12. August fest. Die Reise war sogar schon am 5. August «aufgegleist» worden. Merz hat das Bundesratskollegium gemäss Bericht also über seine Reiseabsicht getäuscht. Das ist gravierend und lässt sich auch nicht dadurch rechtfertigen, dass er offenbar Angst vor einer Indiskretion hatte.

Vor allem aber ist nun amtlich: Merz hat in Tripolis den «letzten Kompromiss» vor Ort abgeändert. Er habe «den Entschuldigungstext nochmals leicht angepasst», steht im Bericht. Dabei geschah der Kardinalfehler: Im Vertragstext fiel die Passage über die beiden Schweizer Geiseln (offiziell: «Geschäftsleute») raus.

Somit war ihre Ausreise nicht mehr schriftlich zugesichert. Merz liess sich über den Tisch ziehen und vertraute den mündlichen Versprechen des Premierministers, dass sie «vor Monatsende» heimreisen dürften. Was aus diesem Versprechen wurde, ist bekannt.

Der Libyen-Bericht ist ein Protokoll der Peinlichkeiten. Ob Hans-Rudolf Merz diese Affäre übersteht, ist offener denn je.