Der Kommentar: Es war im Sommer 2012. Die Redaktion der «Schweiz am Sonntag» dislozierte für eine Woche nach Genf. Hier sollte die 1.-August-Nummer über «Die unbekannten Nachbarn» entstehen, die Westschweiz. Die Redaktion wurde in der Weltstadt der internationalen Organisationen warmherzig, enthusiastisch fast, empfangen. Der neu gewählte Staatsrat Pierre Maudet, zuvor Stadtpräsident, nahm am Redaktionsessen teil. «Tribune de Genève» und RTS stellten Arbeitsplätze zur Verfügung. Zwei Jahre später, nach dem Schock des 9. Februar 2014, produzierte die «Schweiz am Sonntag» ihre 1.-August-Ausgabe in Lugano. Titel: «Ein Kanton erfindet sich neu». Zu spüren war eine Welle von Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit. Fürs Nachtessen sagten die politischen Granden dankend ab.

Was das mit dem Nein des Tessins zur RTVG-Revision zu tun hat? Viel. Auch Genf hatte seinen Schock. 1996 machte die damalige Swissair den Flughafen Genf mit einem Federstrich zweitklassig. Genf musste sich neu orientieren, entwickelte sich mit Lausanne in aller Stille zum Arc lémanique, der Boomregion der Schweiz schlechthin. Das Tessin verfolgt - noch - eine ganz andere Strategie. Eine des Jammerns und des Wartens. Warten auf den ersten Bundesrat seit 16 Jahren. Warten darauf, dass der Bundesrat die Steuer- und Grenzgänger-Probleme mit Italien löst. Warten darauf, dass Bern das Ei des Kolumbus für die Verkehrsprobleme im Mendrisiotto aus dem Hut zaubert. Warten - vielleicht - darauf, dass Bern eine zweite Gotthard-Röhre baut.

Jammern. Warten. Und der Lieblingsbeschäftigung frönen: In den kleingeistigen Schützengräben des verwinkelten Kantons zanken. Fragt sich nur: Wann endlich dreht sich das Tessin nicht mehr nur um sich selbst? Wann legt es das Selbstmitleid ab?

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