Der Kommentar: «Perception is reality», lautet
eine Redewendung, auf gut Deutsch: Die Realität ist das, was wir wahrnehmen. Ist das Bankgeheimnis nach dem epochalen Bundesratsentscheid noch Realität?

Klar doch, wird Finanzminister Hans-Rudolf Merz nicht müde zu betonen. Klar doch, teilt die Bankiervereinigung der Welt mit. Klar doch, kommentierten gestern auch viele Schweizer Zeitungen.

Entscheidend für das Geschäft mit ausländischen Bankkunden sind aber nicht die Verlautbarungen aus dem Inland. Entscheidend ist die Wahrnehmung im Ausland. Und die ist eindeutig. Die liberale «Süddeutsche Zeitung» schrieb gestern auf der Frontseite von «Revolution»: «Das Steuerparadies Schweiz schliesst.» Die konservative Zeitung «Welt» wurde ebenso deutlich: «Schweiz gibt ihr heiliges Bankgeheimnis auf.» Die «New York Times» titelte: «Schweiz hilft, Steuerbetrüger zu verfolgen.» Die Frontschlagzeile der britischen «Financial Times» lautete: «Schweizer geben Boden preis beim Bankgeheimnis.»

Perception is reality: Das Bankgeheimnis ist nicht mehr Realität, es ist tot. Deutsche oder Amerikaner, die ihr Schwarzgeld auf Schweizer Konten parkiert haben, lesen diese Schlagzeilen – und werden sich zweimal überlegen, ob sie ihr Geld weiterhin in die Schweiz bringen sollen. Ein Triumph vor allem für die Regierungen in Berlin und Washington, denen unser Bankgeheimnis seit Jahrzehnten ein Dorn im Auge ist. Künftig wird es wohl keine James-Bond-Filme mehr geben, in denen ein Gangster sein Geld auf ein Schweizer Nummernkonto einzahlt.

Es geht aber um mehr als um Wahrnehmung. Egal, wie stark das Bankgeheimnis wirklich gelockert worden ist: Fakt ist, dass die Rechtsunsicherheit in dieser Frage gross geworden ist. Keiner weiss wirklich, was nun gilt. Und keiner weiss, was morgen gilt. Das geht so weit, dass der ehemalige Zürcher Staatsanwalt Ivo Hoppler sagt: «Als Amerikaner würde ich mir einen Steueranwalt nehmen und die Frage einer Selbstanzeige prüfen» (siehe Seite 23). In diesem Punkt hat die Schweizer Politik wirklich versagt: Sie hat die Rechtssicherheit geopfert.