Aussenministerin Micheline Calmy-Rey war die Gute, die von Merz übergangen worden war und die sich nie bei Libyen entschuldigt hätte. Der «Blick» stellte gestern bereits die Rücktrittsfrage: «Muss Merz gehen?»

Die veröffentlichte Meinung entspricht weitgehend der Sichtweise des Aussendepartements (EDA). Die Bundesrätin war in Rage, weil sich der Bundespräsident in ihr Dossier eingemischt und, wie er sich ausdrückte, einen schnellen «Führungsentscheid» getroffen hatte.

Es gibt aber auch eine andere Sichtweise auf die Gaddafi-Affäre. Die Schweizer Geiseln – zwei unschuldige Geschäftsleute – sitzen seit mehr als einem Jahr in Libyen fest. Was hat die Aussenministerin in dieser langen Zeit erreicht?

Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf formuliert es in unserem Interview diplomatisch: «Das Aussendepartement hat verschiedene Versuche gestartet, jedoch bisher ohne Erfolg.»

Recherchen Zeigen, dass Calmy-Rey bei ihren Bemühungen, die Geiseln freizubekommen, ungeschickt vorgegangen war. Auch zielt der Vorwurf aus dem EDA ins Leere, Merz habe die Entschuldigung nicht mit dem Aussenministerium abgesprochen: Es waren zwei EDA-Mitarbeiter, welche die Formulierung ausarbeiteten, die Merz in Tripolis dann öffentlich machte.

Dass sich die Schweiz bei einem Diktator entschuldigt, ist stossend. Vielleicht war es aber der einzige Weg, die Geiseln freizubekommen. Wenn sie denn wirklich freikommen. Denn Gaddafi ist unberechenbar. Sollte er das Wort seines Premiers brechen, hätte Merz
definitiv ein Problem.

Doch zwei Menschen hätten ein noch viel grösseres Problem, und sie gehen in diesem Polit-Hickhack allzu leicht vergessen: die beiden Geiseln selber.