Ich erinnere mich bis heute an ein erschütterndes Radiointerview, das Markus Gilli kurz nach der Tragödie mit ihr führte. Was soll eine Mutter sagen, die ein Kind verloren hat? Sie tat es in einer Art und Weise, die mich nachhaltig beeindruckte. Sie fand Worte für ihren eigenen Zustand der Verzweiflung wie auch für das Versagen der Behörden. Sie gab ihrer Trauer öffentlich Ausdruck, ohne mit ihren Gefühlen hausieren zu gehen. Ihre Botschaft war: «Was uns angetan wurde, darf nie mehr geschehen.»

Pasquales Tod führte dazu, dass Kommissionen eingesetzt, Hafturlaube gestrichen und Freigänge eingeschränkt wurden. Wie sagte der damalige Zürcher Justizdirektor Moritz Leuenberger, der aus Sicht der Familie Brumann durch Nichtbeachten von Warnungen eine Mitschuld am Tod von Pasquale trägt: «Man kann nach einem derartigen Ereignis doch nicht einfach nichts tun.» («Weltwoche», 11. November 1993). Fast 20 Jahre später stellt Jeannette Brumann fest: «Es kommt mir vor, als wäre wieder eine Softie-Welle ausgebrochen».

Der Fall Jean-Louis B. führt bei Brumann zu einer Frage, die wir uns alle stellen: Wie kann es sein, dass ein verwahrter Mörder und Vergewaltiger trotz gescheiterten Therapien und klaren Hinweisen auf seine Gefährlichkeit in den Genuss eines vierten Freigangs mit unbewaffneten Begleitern kommt? Unterdessen ist der Schwerverbrecher wieder hinter Schloss und Riegel, der Direktor und sein Stellvertreter sind entlassen und die Behörden versprechen bei ihrer Untersuchung «vollkommene Transparenz». Alles wieder im Lot? Mitnichten.

Eine denkbar schlechte figur macht der Berner Polizeidirektor Hans-Jürg Käser. Statt umgehend hinzustehen, ging er zuerst in Deckung und lieferte sich ein unwürdiges Schwarz-Peter-Spiel mit seinem Freiburger Amtskollegen Jean Studer. Die Kommunikation ist mindestens so schlecht, wie die Abläufe unklar sind. Käser und sein Vorsteher der Abteilung Straf- und Massnahmenvollzug, Christian Margot, widersprechen sich gar in essenziellen Punkten. Es herrscht ein Wirrwarr. Wer sich näher mit der komplexen Materie befasst, stösst auf unklare Kompetenzen, zu viele Kann-Formeln und einen Kantönligeist, der absurde Freigänge erst möglich macht.

Die Debatte erinnert an 1993. Wieder wird gefragt: Werden Täter verhätschelt? Wieder wird gesagt: Wir haben keine Fehler gemacht. Wieder heisst es: Wir klären gründlich ab. Das muss den Opfern von Gewaltverbrechen und ihren Hinterbliebenen, denen Jeannette Brumann ein Gesicht gab, wie Hohn vorkommen.

Umso mehr, als mit der Verwahrungsinitiative klare Leitplanken vorgegeben wurden – egal, ob man diese gutheisst oder rechtliche Bedenken hat. Es ist Volkes Wille. Genauso wie eine Maxime, die vor lauter Resozialisierungsgedanken zu oft vergessen geht, aber Menschenleben retten kann: In dubio pro Sicherheit. Dafür wird auch die Mutter, die ihre Tochter verloren hat, ein Leben lang weiterkämpfen.