Von einer Partei gebildete Regierungen sind in Deutschland schon lange nicht mehr die Regel. Vielmehr bilden Koalitionen die Exekutive. Dies erzwingt die Bereitschaft zu Kompromissen. Gleichwohl bleibt es beim Gegensatz zwischen Regierung und Opposition. Das macht es für Deutsche schwer, das Schweizer Webmuster zu verstehen, bestehend aus faktischen Allparteienregierungen, der Rücksicht auf die Sprachregionen sowie den zahlreichen Volksabstimmungen. Unterfüttert wird das Webmuster durch die grundsätzliche Bereitschaft, auf Gegenpositionen einzugehen, welche die Schweizer wohl als Garantie ihres gesellschaftlichen Erfolgsmodells ansehen.

Der Gegner wird respektiert. Die Sprache ist dafür ein Beleg. Die politische Debatte in der Schweiz unterschreitet selten ein annehmbares sprachliches Niveau; ein Mann wie Peer Steinbrück würde wohl die «klare Kante» vermissen. Häme und Zynismus sind den Eidgenossen weitgehend fremd – Ironie übrigens auch. Selbst Christoph Blocher ist für Deutsche mehr in seinem hemdsärmeligen Auftritt als in der Sprache gewöhnungsbedürftig.

Hinzu kommen die – allerdings schwindenden – flachen Hierarchien. Bundesräte ohne Bodyguards, ein Parteipräsident beim entspannten Bier am Bundesplatz in Bern, ein Nationalbankpräsident, der zu Fuss durch die Stadt eilt, und ein Grossunternehmer, der seinen Gesprächspartner persönlich vom Bahnhof in die Firmenzentrale chauffiert, sie alle haben in Deutschland ausgesprochenen Seltenheitswert.

Bewusst oder unbewusst teilen die Schweizer in der Kompromisssuche die dem griechischen Dichter Hesiod 700 vor Christus zugeschriebene Überzeugung: «Die Hälfte ist manchmal mehr als das Ganze.» Kehrseite der Medaille sind zähe parlamentarische Prozesse, die einem Ausländer kaum vermittelbar sind. Hinzu kommen Departemente im Bundesrat, die Machtfülle nur vortäuschen, sowie der jährliche Wechsel im Amt des Bundespräsidenten. Den jeweils aktuellen Amtsinhaber zu kennen, wäre wahrscheinlich die 1000-Euro-Antwort in einem deutschen TV-Ratespiel. Die Kollegialität in allen Ehren, aber auf diese Weise gewinnt die Schweiz im Ausland keine politischen Konturen.

Aber durchschlagen nicht viele Volksabstimmungen das grosse Kungeln? Am schärfsten beziehen die Schweizer in der Ausländerpolitik Position, das Anti-Minarett-Votum lässt grüssen. Als gleichfalls einschneidend erinnert man sich der Zweitwohnungs-Initiative sowie der Abzocker-Initiative. Auch die Mindestlohn-Initiative scheint gute Chancen auf Annahme zu haben. Die Stimmbürger wollen vor allem «ein Zeichen setzen», ist immer wieder zu hören. Tatsächlich habe ich den Eindruck, dass sie eine lupenreine Umsetzung gar nicht erwarten. Dessen ungeachtet finden die Deutschen die «direkte Demokratie» der Schweiz zunehmend attraktiv.

Kompromisse bilden den Kitt einer Gesellschaft. Aber die Nachteile sind nicht zu übersehen. Als kleines Land mit grossem Harmoniebedürfnis und der steten Furcht vor einem Reichtumsverlust verlässt sich die Eidgenossenschaft vor allem auf die Kunst des Taktierens. Hier hat sie es zu einiger Meisterschaft gebracht. Das langfristige Denken bleibt demgegenüber zurück. Stattdessen verbindet sich das Schweizer Gen der taktischen Kompromisse und der Harmonie mit der ständigen
Suche nach Anerkennung.

Das vernebelt leicht die Sicht für die Wirklichkeit. Ein Beispiel könnte das bahnbrechende Freihandelsabkommen der Schweiz mit China werden. Die Chinesen hofieren den Partner wegen dessen technischen Know-how, vor allem aber aus strategischen Interessen in Europa. Ob sich damit in der Praxis ein echter Interessenausgleich verbindet, wird die Schweiz sicher bald erfahren.

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