Im Interesse der Patienten

Ins nächste Regionalspital – oder lieber ins Universitätsspital? Seit Anfang 2012 ist die Freiheit für Patienten in der Schweiz grenzenlos: Jeder kann selber entscheiden, in welchem der 300 Spitäler er sich behandeln lassen möchte. Doch auch drei Jahre nach Einführung der freien Spitalwahl fällt es schwer, die neue Freiheit zu nutzen. Denn verständliche Informationen darüber, welches Spital für welche Behandlung das beste ist, findet man als Laie kaum. Im Internet lässt sich fast alles einfach vergleichen und bewerten: Autoversicherungen, Hotels und Telekomangebote. Ausgerechnet das Gesundheitswesen aber – die 70-Milliarden-Franken-Branche – hinkt hinterher.

Dass Ranglisten und Vergleiche heikel sind, wenn es um Leben und Tod geht, ist klar. Wenn ein Universitätsspital vorwiegend schwerstkranke Patienten behandelt, wird es bei der entsprechenden Operation eine höhere Sterblichkeitsrate ausweisen als andere Kliniken. Doch wir leben im Zeitalter von «Big Data», es gibt immer verlässlichere Instrumente, um Qualität zu messen, differenziert auszuwerten und einfach darzustellen. Es fehlt weniger an den Möglichkeiten als am Willen der Gesundheitsbehörden und der Spitäler. Noch immer gibt es Bremser.

Dieser Widerstand ist nicht mehr nachvollziehbar. Denn Transparenz hilft nicht nur dem Patienten bei der Spitalwahl, sondern – viel wichtiger – sie kann auch die Qualität verbessern. Zu viele Krankenhäuser machen heute alles, statt sich zu spezialisieren. Obwohl unbestritten ist, dass hohe Fallzahlen die Qualität bei Eingriffen erhöhen. In der Politik sind solche Erkenntnisse oft nicht das entscheidende Thema: Geht es um Spitäler, stehen auch im Jahr 2015 oft Standortfragen und die Regionalpolitik statt Qualitätsüberlegungen im Vordergrund. Das zeigen zurzeit die Spitaldebatte in der Region Basel und die Rieseninvestitionen, die im Kanton St. Gallen anstehen. Selbst die Schliessung von schlecht ausgelasteten Kliniken ist vielerorts politisch nicht durchsetzbar.

Solange das Gesundheitswesen eine Dunkelkammer bleibt, wird sich daran wenig ändern. Dabei haben wir als Patienten, als Versicherte und als Steuerzahler alles Interesse, nicht unbedingt so nah wie möglich behandelt zu werden. Sondern so gut wie möglich.

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