Es ist etwa zehn Uhr Morgen, als ich Omaha mit meinem gemieteten Mitsubishi verlasse. Nach drei Wochen in San Francisco, Salt Lake City und der Hauptstadt Nebraskas will ich raus aufs Land. Ins Herz von Amerika, in die „small towns“.

Ziemlich bald meldet sich das konservative, religiöse Amerika. Auf dem ersten Maisfeld, an dem ich vorbeifahre, steht ein Schild mit der Aufschrift „Abtreibung stoppt ein schlagendes Herz“. 90 Prozent der Bewohner Nebraskas sind Christen. Der Staat wählt seit Jahren regelmässig republikanisch.

Die Fahrt ist monoton. Weite Felder. Lange Highways. Wenig Verkehr. Ab und zu taucht eine Kirche oder ein Mall auf – eine Ansammlung von verschiedenen riesigen und kleinen Geschäften, von Fastfood-Restaurants über Drive-Through-Apotheken bis hin zu Hundesalons.

Gespenstig
Nach einer guten Stunde erreiche ich Winslow. Laut Landkarte leben hier 103 Personen. Aber ich sehe niemanden. Bei der Einfahrt werden Besucher auf einer Tafel gewarnt, dass es eine Nachbarschaftswache gibt. Daneben steht ein heruntergekommenes Haus. „Salon & Tanning“ heisst es an der Wand. Auf dem Fenster steht „Photography“. Und laut dem Schild an einem Masten ist es ein „Mini-Mart“. Was es auch immer ist, das Geschäft ist zu.

Mir ist etwas mulmig, ich fühle mich wie in einer Geisterstadt. Hier ist mein Problem: Ich habe zu viele amerikanische Horrorfilme gesehen, die in solchen verlassenen Kaffs spielen. Hinter jeder Ecke vermute ich einen Farmer, in einem Jeansoverall und mit einer Schrotflinte in der Hand. Den rassistischen Dorfscheriff, der mich für ein übersehenes Stoppschild verhaften will. Oder die schäumende und kläffende Bulldogge, die plötzlich an meinem Autofenster auftaucht. Aber ich gebe mir einen Ruck. Langsam fahre ich die Kiessstrasse runter.

Ich achte auf jede Verkehrsregel, halte an jedem Stoppschild, auch wenn weit und breit kein anderes Auto oder ein Mensch zu sehen ist. Ich fahre an der Post vorbei. Closed. An der öffentlichen Bibliothek. Closed. Vielleicht gibt es hier ein Restaurant oder eine Bar, wo ich mich mit den Locals unterhalten könnte. Da! Smiley’s. „Voted Winslow’s #1 bar“. Kein Wunder. Es ist die einzige in Winslow. Aber auch hier: Closed. Und irgendwie bin ich ganz froh. Denn ich habe das Gefühl, als würde ich in dieser Spelunke nicht besonders willkommen sein.

Ich fahre weiter übers Land. Noch mehr Maisfelder. Noch weniger Autos. Und bei jeder Farm steht mit grossen Lettern auf einem Schild: „Private Property. No trespassing.“ – Privates Grundstück. Kein Zutritt. Was passieren würde, wenn ich mich trotzdem aufs Gelände wage, kann ich mir im waffenvernarrten Nebraska nur zu gut vorstellen.

Da sind die Horrorhunde!
Bei der nächsten Farm halte ich dennoch an, um ein Foto zu schiessen. Selbstverständlich nur aus dem Auto. Nach dem zweiten Foto kommen plötzlich zwei grosse Hunde der Einfahrt entlang auf mein Auto zugerannt. Nicht schäumend, aber kläffend. Nichts wie weg hier!

Nach rund zehn Minuten gelange ich in eine belebtere Gegend. Kleine Häuschen säumen den Weg. Ich fahre über eine Brücke, an einer Golfanlage vorbei, und lande auf der Mainstreet von Hooper.

Um ein Bild von Hooper zu erhalten, stellt man sich am besten einen Frank-Capra-Film aus den 30er-Jahren vor, wie „Mr. Deeds Goes to Town“ oder „It’s a Wonderful Life“. Sie zeigen ein simplifiziertes und idealisiertes Kleinstadt-Amerika, in dem Werte wie Nächstenliebe, Treue und Gemeinschaft gross geschrieben werden und der einfache, liebenswürdige Bürger in Zentrum steht.

Hooper ist so eine Kleinstadt. Auf den ersten Blick zumindest. Rund 800 Menschen leben hier. 98 Prozent sind weiss. Jeder kennt jeden. Ich gehe in den Supermarkt und spreche die Verkäuferin an. Sie heisst Joyce und ist 61 Jahre alt. Joyce arbeitet seit über 30 Jahren hier im Geschäft, ihre Kollegin seit 27 Jahren. Nie an einen Jobwechsel gedacht? „Nein. Uns gefällt, was wir machen, und deshalb bleiben wir.“

Vom Footballspielen und Rasenmähen
Sie beschreibt mir Hooper als kleines, ruhiges Dorf mit vielen netten Leuten, in dem jeder jeden kennt. Man kümmere sich um einander „Das heisst aber auch, dass alle alles wissen, das ist manchmal nicht so gut. Stimmt doch, Eric.“ Der Kunde an der Kasse nickt. Es ist Mittagszeit. Die meisten Kunden, die Joyce alle mit Namen begrüsst, kaufen eines der hausgemachten, in Alufolie verpackten Sandwiches für 3.50 Dollar.

Viel früher habe sie in der nächst grösseren Stadt Fremont gelebt. „Dort war mir alles zu gross und zu wild.“ Fremont zählt rund 26000 Einwohner. Voller Stolz zählt Joyce auf, was es alles in Hooper gibt: „Eine gute Schule, eine Golfanlage, zwei gute Restaurants, eine Bar, eine Post, eine Bank, eine Bibliothek, eine Tankstelle.“ Sie selber arbeite viel im Garten. „Gestern musste ich den Rasen mähen.“

Und was macht man am Abend in Hooper? „Wir schauen Football.“ Am Fernsehen? „Auch, aber vor allem hier an unserer Highschool. Am Montag spielt jeweils das jüngere Team, am Freitag das ältere.“ Morgen sei das sogenannte Homecoming-Game, das jeweils einmal im Jahr stattfindet. Traditionell bezeichnet es das Spiel, nach dem am weitesten entfernten Auswärtsspiel des Teams und ist mit zahlreichen Festivitäten verbunden. Die ganze Stadt sei schon aufgeregt. In der Halbzeit werden dann auch die Homecoming-Queen und der Homecoming-King gekürt. Viele Leute würden nach dem Schönheitswettbewerb nach Hause gehen, sagt Joyce.

Ich frage sie, ob es immer so ruhig sei in Hooper, ob in den letzten Jahren auch mal etwas Grosses passiert sei, ein Unwetter, ein Mord, oder ein Feuer? „Hm, da kommt mir nichts in den Sinn.“ Sie überlegt weiter. „Ah doch, vor etwa drei Jahren wurde die Tankstelle am Highway überfallen. Das war eine echt grosse Geschichte hier.“ Joyce hatte den Dieb selbstverständlich gekannt, er hatte auch schon bei ihr eingekauft.

Klare Wahl
Am 6. November werde sie selbstverständlich Mitt Romney wählen. „Mein Vater ist Republikaner, und mein Mann auch. Ich wuchs als christliche Republikanerin auf.“ Dass Romney Mormone ist, stört Joyce nicht, weil bei den Mormonen Familienwerte wichtig seien. Michelle Obama finde sie zwar toll, aber sie traue Präsident Obama nicht. „Ich glaube nicht, dass er hier geboren wurde.“ Sie vermute, dass er heimlich muslimische Ziele verfolge. Weshalb? „Es gab einfach zu viele Berichte dazu. Seine besten Freunde an der Universität waren alle Muslime. Und er ging nach Pakistan. Ich traue ihm einfach nicht.“

Es überrascht mich nicht, als sie sagt, sie informiere sich vor allem über Fox News, dem Sender, der den Islam als Religion des Terrors sieht, seine Zuschauer noch immer vor der Gefahr der Bolschewisten warnt und den Iran lieber heute als morgen bombardieren würde.

Ich gehe weiter, am Lokal der „Veterans of Foreign Wars“ (Veteranen der Auslandkriege) vorbei. Joyce hatte mir gesagt, dass in Hooper viele Kriegsveteranen leben. „We support our troops“ (Wir unterstützen unsere Soldaten) steht natürlich auch hier am Fenster. Auf zwei grossen Hauswänden wird mit Fresken an Hoopers gefallene Soldaten erinnert.

Ich überquere die Strasse und gehe ins Iron Horse, ein Restaurant mit eigener Bar und drei Billardtischen. An der Theke sitzen zwei Männer und trinken Bier. Der eine etwa 50, der andere etwa 70 Jahre alt. Vater und Sohn vielleicht. Fast jede Wand ist mit Nascar-Bildern und –Plaketten zugepflastert. Die US-Autorennen sind traditionell ein Sport der Republikaner. Ich frage mich, ob es überhaupt auch nur einen Demokraten in diesem Dorf gibt.

Überraschende Wende
So ziemlich alle Gerichte in der Menükarte sind frittiert. Ich bestelle Chicken-Strips mit French Fries. Dale Maurer, so heisst der Bartender und Inhaber des Iron Horse, lächelt kein einziges Mal, spricht kaum mit mir, und wirft mir nach etwa fünf Minuten die Rechnung beim Vorbeilaufen auf den Tisch. Werden also Fremde in Hooper so behandelt?

Beim Bezahlen versuche ich trotzdem mit Dale ins Gespräch zu kommen. Und siehe da, es funktioniert. „Du bist Journalist aus der Schweiz? Cool, das ist ja spannend. Warte, ich hole meine Frau Carmen, sie kann dir bestimmt auch einiges erzählen.“

Wie vorhin von Joyce möchte ich auch von Carmen und Dale wissen, wie sie ihr Dorf beschreiben würden. „Wir haben eine gute Schule, eine Golfanlage, zwei gute Restaurants, eine Bar, eine Post, eine Bank, eine Bibliothek, eine Tankstelle.“ Alles klar.

Beide lebten vorher in Fremont. Wie Joyce. Doch, wen überrascht es, auch ihnen war es dort zu laut, zu gross. 1994 kaufte Dale dieses Lokal. „Ich wollte unbedingt einen eigenen Billard-Salon, und jetzt habe ich ihn.“ Er scheint glücklich zu sein.

Angstmacher Romney
Ich bin mir zwar sicher, wie die Antwort lauten wird, aber ich frage die Beiden dennoch: Obama oder Romney?
„Obama, ganz klar.“
Dale bemerkt meinen ungläubigen Gesichtsausdruck.
„Ja, natürlich, wir müssen die Mittelklasse retten. Und dafür ist Obama der bessere Mann. Es darf nicht immer um die Reichen gehen.“
Carmen ergänzt:
„Mitt Romney macht mir Angst. Er ist ein Elitist, der die Mittelklasse überhaupt nicht kennt und sie auch nicht versteht. Wir haben das ‚Trickle Down’-Prinzip der Republikaner versucht. Und es funktioniert nicht.“ Viele Republikaner glauben an die Trickle-Down-Theorie, wonach das Wirtschaftswachstum der Reichen nach und nach in die unteren Schichten der Gesellschaft durchsickert.
Dale unterbricht seine Frau.
„Noch besser als Obama wäre Bill Clinton. Wir brauchen ihn wieder. Oder seine Frau.“

Ok. Aber Moment mal. Ich dachte hier in Hooper würden nur konservative Republikaner leben. Und ihr sagt mir, ihr seid für Obama.
„Du hast schon recht“, sagt Carmen. „Über 90 Prozent der Leute hier sind Republikaner und äusserst konservativ. Was es für mich nicht unbedingt einfach macht. Denn ich bin eigentlich ein Polit-Junkie und würde gerne über die Wahlen sprechen. Aber mit meiner Meinung würde ich mir hier keine Freunde machen. Also vermeide ich es, mit unseren Kunden über Politik zu sprechen. Du bist eine Ausnahme.“

Trotzdem gefalle es ihnen Hooper. „Es ist ein guter Ort, um meine Kinder hier grosszuziehen“, sagt Carmen. „Ach ja, noch etwas. Es gibt hier immer noch viele Rassisten.“
Du meinst jene, die glauben, Obama sei Muslim.
„Nein, schlimmer. Aber du wirst schon selber sehen, wenn du noch mit anderen Leuten sprichst. Lauf einfach die Strasse weiter runter.“ Sie sollte Recht behalten.

Beim Barbier
Nach ein paar weiteren Schaufenstern mit US-Flaggen und „Support our Troops“-Plaketten, stehe ich vor einem herzigen Coiffeur-Laden, einem Barber-Shop, der gut und gerne direkt aus den 50er-Jahren stammen könnte. Ein roter Plastikstuhl für den Kunden steht drin.

Hallo?
„Hallo. Wie geht’s denn so?“
Ich sehe niemanden. Ähm, ist hier jemand?
„Ja, hallo.“
Noch immer nichts. Doch. Da. Hinter dem Tresen. Ein weisshaariger Mann sitzt gekrümmt am Tisch und ist daran einen uralten Rasierer zu reparieren. Er blickt nicht auf. Seine ganze Konzentration gilt dem Schneidegerät.
Guten Tag, ich bin Reporter aus der Schweiz und schreibe über Hooper. Dürfte ich Ihnen einige Fragen stellen?
„Ja, ja, nur zu. Fragen Sie.“
Was mögen Sie an Hooper?
„Die Leute. Hier gibt es nette Leute, gute Leute. Und gute Kirchen. Ich lebe seit vierzig Jahren hier“

Ich erzähle ihm von meiner Reise, und dass ich momentan eine Woche in Omaha verbringe.
„Eine schreckliche Stadt. So viel Gewalt. Dort wird vierundzwanzig Stunden pro Tag gemordet. Sieben Tage die Woche.“
Dachte Carmen an ihn, den Barbier, als sie von rassistischen Einwohnern in Hooper sprach? Machen wir die Probe.

Kein Obama-Fan...
Waren Sie glücklich, als Barack Obama als erster Schwarzer Präsident der USA wurde?
„Hier nennen wir ihn einen Nigger.“
Ich habe zwar mit einer abschätzigen Bemerkung gerechnet. Aber nicht mit dieser Antwort. Für einen Moment stockt mir der Atem.
Wie bitte?
„Einen Nigger. Und er ist nicht mein Präsident. Er ist ein illegaler Präsident, er wurde nicht hier geboren. Und er gehört zur Mafia. “
Sie mögen Schwarze nicht besonders, wie?
„Nein. Ich hab weisse Menschen lieber. Hier in den USA waren wir immer alle weiss, unsere Vorväter, und alle unsere Präsidenten waren auch weiss.“
Was haben Sie gegen Schwarze?
„Sie sind nicht gut. Das sind keine guten Leute. Ich mag sie einfach nicht. Sie sind kriminell.“
Würden Sie einem Schwarzen die Haare schneiden?
„Nein. Ich wüsste auch nicht wie. Sie haben andere Haare. Wie Stahlwolle.“

Obama sei der schlimmste Präsident aller Zeiten. Aber eben, eigentlich sei er ja gar nicht Präsident. Nur ein illegaler. Von Romney sei er auch nicht begeistert. „Aber immerhin wäre er ein legaler Präsident.“ Dass er Mormone sei, störe ihn nicht. „Auch sie sind Christen und lesen die Bibel.“

Er zeigt mir einen Artikel über Hooper, der vor zwei Jahren in der „Herald Tribune“ erschienen ist, als das Dorf einen neuen Turm als Wahrzeichen errichtete. Er hat den Ausdruck eingerahmt. Im Zeitungsartikel ist auch ein Bild von ihm drin. Dann spricht er davon, wie sie früher zwölf Geschwister waren und alle seine Brüder in der Armee waren. Nur er nicht. Plötzlich spüre ich seine Verbitterung.
Wären Sie gerne in den Krieg gegangen?
„Oh ja, ich hätte sehr gerne für mein Land gedient.“
Weshalb er es nicht in die Armee schaffte, sagt er nicht.
Darf ich vielleicht noch kurz ein Foto von Ihnen machen?
„Ja, ja, nur zu.“ Er steht hinter den roten Kundensessel. Mein Aufruf zu lächeln, geht spurlos an ihm vorbei.
Ich verabschiede mich.
Und wie ist ihr Name nochmals?
„Don. Don, der Barbier.“
Ich bin Ben. Ben, der Reporter.
„Das passt. Goodbye.“
Bye.

Andere Prioritäten
Ich steige in mein Auto. Beim Verlassen von Hooper fahre ich innert drei Minuten an drei Kirchen vorbei: Einer katholischen, einer evangelikalen, und einer Kirche der Lutheraner.

Das war es. Ich biege auf den Highway ab. Es folgen Mais- und Sojafelder. Bis nach Omaha. Verschiedene Fragen schwirren mir während der Fahrt durch den Kopf. Hat Don der Barbier das ausgesprochen, was viele andere Einwohner auch denken? Wie kann man es als überzeugte Demokraten wie Carmen und Dale in Hooper aushalten? Und wird sich irgendwann etwas in diesem Dorf je ändern?

Den meisten Leuten in Hooper sind diese Fragen egal. Viel wichtiger ist ihnen das morgige Highschool-Footballspiel, und wer Homecoming-King und –Queen wird. Wichtiger auch als die Wahlen am 6. November.

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