Der Kommentar: Wer regelmässig ausser Haus einer Beschäftigung nachgeht, ist ein Pendler. Früher hat das Pendeln mit dem Kindergarten begonnen, heute bereits mit der Kita. Pendeln gehört zum Leben wie Schlafen, Essen und Trinken. Die Beschwörung der pendlerlosen Idylle ist ebenso weltfremd, wie die Idee, jederzeit Anspruch auf freie Fahrt auf der Autobahn und einen Sitzplatz im Zug, Bus oder Tram zu haben. Die relevante Frage ist, wie ich pendle und wie viel Zeit ich dafür verwende.

Das Bundesamt für Statistik veröffentlicht seit 1994 detaillierte Berichte über das Mobilitätsverhalten. Daraus geht hervor, dass die pro Tag zurückgelegte Distanz jährlich um knapp ein Prozent zunimmt. Wenn man die Dynamik der Wirtschaft und die zunehmenden Anforderung an die Flexibilität in Betracht zieht, ist das überraschend wenig. Obwohl der Anteil des öffentlichen Verkehrs als Folge von Bahn 2000 gestiegen ist, werden immer noch 66 Prozent der gesamten Distanz mit dem Auto zurückgelegt. Ein Auto ist auf der Fahrt zur Arbeit durchschnittlich mit nur 1,12 Personen besetzt. Und, was wirklich erstaunlich ist: fast die Hälfte der Fahrten mit dem Auto sind weniger als fünf Kilometer lang.

«Ein gewisses Mass an Stau auf den Nationalstrassen ist nicht zu vermeiden», meint das Bundesamt für Statistik lapidar. Tatsächlich, kein Land mit einer prosperierenden Wirtschaft kommt ohne Stau auf den Autobahnen aus. Die Staustunden auf den Nationalstrassen haben im Jahr 2011 um 20 Prozent zugenommen, im letzten Jahr noch um vier Prozent. Das Bundesamt weist allerdings darauf hin, dass der Anstieg auch auf eine bessere Erfassung der Daten zurückzuführen ist. Die Zuverlässigkeit der erhobenen Zahlen sei daher «nicht umfassend gewährleistet».

Es wäre interessant, die 20 000 Staustunden in der Schweiz mit anderen Ländern zu vergleichen. Auch ausgedehnte Recherchen im Internet ergeben kein Resultat. Immerhin stösst man auf den Tom Tom Congestion Index mit einem Ranking der Staustunden von 59 europäischen Städten. Die einzige Schweizer Stadt auf der Rangliste ist Bern auf dem 53. Platz. Das deutsche Bundesland Hessen ist mit 6,1 Mio Einwohnern deutlich weniger bevölkert als die Schweiz. 2005 wurden dort 88 000 Staustunden gemessen. Das war der Anstoss, ein Projekt «Staufreies Hessen» zu lancieren. 2012 wurden noch 16 000 Staustunden gemessen. Die Reduktion um 80 Prozent wurde ausschliesslich mit «weichen» Massnahmen wie intelligentem Verkehrsmanagement und selektiver Freigabe von Seitenstreifen erreicht.

Auch volle Züge und Bahnhöfe während der Stosszeiten sind in einer prosperierenden Wirtschaft unvermeidbar. «Jegliche Schweizer Pendlersorgen verpuffen zwischen der ersten und zweiten Station», hat ein Journalist kürzlich über seine Erfahrungen mit dem öffentlichen Verkehr in Japan geschrieben. Mit «weichen» Massnahmen lässt sich auch im Schienenverkehr einiges bewegen, zum Beispiel mit Tarifvergünstigungen während der Randzeiten und dem Einsatz von Zügen mit maximaler Raumausnutzung.

Es gibt keinen Anlass, die Situation zu dramatisieren, weder auf der Strasse, noch auf der Schiene. Warum sollte hier nicht gelingen, was in Hessen gelungen ist? Primär sind die möglichen «weichen» Massnahmen umzusetzen.

Etwas unbemerkt von der Öffentlichkeit und von der Statistik des Bundesamtes noch gar nicht erfasst, nimmt der Gebrauch von e-Bikes sprunghaft zu. Das e-Bike ist bis zu einem Radius von 10 Kilometern in Bezug auf Ressourcenverbrauch und Geschwindigkeit das effizienteste Verkehrsmittel. Fachleute vertreten deshalb die Auffassung, dass sich der Elektromotor in einer ersten Phase beim Zweirad durchsetzen wird. Mit einem zunehmenden Einsatz von e-Bikes lassen sich Kurzfahrten mit dem Auto ersetzen. Damit werden die Stadtautobahnen entlastet. Im öffentlichen Verkehr werden Sitzplätze frei. Natürlich braucht es dafür Investitionen, vor allem für Parkraum. Verglichen mit den geplanten riesigen Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur wäre das ein Klacks.

Die beste Investition, die ich in den letzten Jahren für meine persönliche Effizienz getätigt habe, war der Erwerb eines e-Bikes. Mit garantiertem Sitzplatz.

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