Eine Woche später ist alles anders. Am frühen Donnerstagmorgen wurde in London ein 31-jähriger Investmentbanker verhaftet, der die UBS mit Fehlspekulationen um 2 Milliarden Dollar gebracht hat. Die Meldung landete weltweit auf den Titelseiten der Zeitungen. Und auf einmal ist der «Halbgott» Grübel («Financial Times») der grosse Buhmann.

Der 2-Milliarden-Flop weckte das Jagdfieber von Politikern und Medien. Hurra, wir schiessen einen Bankchef ab! Mit gieriger Empörung teilte die SP mit, der «selbstherrliche, arrogante und unverantwortliche» Grübel müsse sofort abgesetzt werden. Der «Blick» sah Grübel schon am Freitag «am Ende». Und für die Westschweizer Zeitung «Le Temps» ist sein Rücktritt eine «Frage der Moral».

Das heitere Rücktrittsfordern ist verfrüht. Erst muss geklärt werden, was in London genau passiert ist. Noch wissen wir nicht, ob es ein Einzeltäter mit krimineller Energie war oder systematisches Versagen. Noch wissen wir nicht, warum die Kontrollen fehlschlugen. Noch wissen wir nicht, ob der 31-Jährige gegen den Franken spekulierte.

Das Debakel ist schlimm genug, und es wirft grundsätzliche Fragen auf: Warum schon wieder die UBS? Wird bei dieser Bank übermässiges Risikoverhalten gefördert? Werden Gamblertypen mit entsprechenden Boni angestachelt? Die Ironie der Geschichte ist jedoch: Wäre Grübel nicht schon CEO der Bank, würde man ihn jetzt rufen, um bei der UBS zum Rechten zu schauen. Unter lauten Hurra-Rufen. Genauso, wie man ihn Anfang 2009 gerufen hat, als die Bank in einer existenzbedrohenden Krise steckte.

Allzu schnell geht im Instantgeschäft von Politik und Medien vergessen, dass Grübel damals eine fast unmögliche Mission übernahm: Nach mehr als
50 Milliarden Franken Verlust und am Staatstropf hängend, war die UBS ein hoffnungsloser Fall. Grübel gelang es, das Steuer herumzureissen. Der Staat ist wieder draussen, das Eigenkapital aufgestockt, das Geschäft profitabel. Wer hätte darauf gewettet?

Jetzt ist wieder eine Krise da, eine Reputationskrise vor allem. Um sie zu meistern, braucht es Führungspersönlichkeiten, die das Geschäft à fond kennen. Die schon viele Misserfolge bewältigt haben. Die schon oft im Sperrfeuer der Öffentlichkeit standen. Es braucht Chefs mit Narben und mit Biss.

Nach unserem Treffen vor zehn Tagen hatten wir den Eindruck: Oswald Grübel geht wohl eher früher als später. Vielleicht muss er nach dem Skandal von London nun in die Verlängerung.

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