Der Kommentar: Stellen Sie sich einmal Folgendes vor, liebe Leserin, lieber Leser. Da wächst ein junger Mann heran. Nennen wir ihn doch Martin. Schon vor längerem ist sein Vater bei einem Autounfall gestorben. Ein schwerer Verlust, der ihn lange gequält hat. Es war eine harte Zeit für die kleine Familie. Deshalb war er froh, als seine Mutter eine neue Beziehung einging. Zu Beginn war Martin zwar schon erschrocken, als seine Mutter ihm nicht einen Mann, sondern eine Frau, Marliese, vorstellte. Aber schnell fand er, lieber Marliese als niemand. Sie war voll o. k. Und genau so schnell war es ihm egal, dass Marliese eine Frau war. Es wurde schlicht normal. Auch seine Freunde gewöhnten sich daran, nach dem sie zuerst schon ein wenig gespottet hatten.

Aber dann der grosse Schock: Seiner Mutter wurde eine Krebsdiagnose eröffnet. Die Ärzte stellten einen bösartigen, schnell wachsenden Tumor fest. Sie mussten eingestehen, dass die Medizin nicht helfen könne. Der Schock war enorm für Martin. Er würde seine Mutter verlieren. Dann wäre er allein. Ein kleiner Trost blieb: Marliese war ja noch da. Wenigstens das. Sie könnte ihn doch noch adoptieren. Sie kamen ja so gut zusammen aus. Dachte er zumindest.

Lieber Leserin, lieber Leser, leider irrt sich Martin. Seine Mutter ist mit Marliese eine eingetragene Partnerschaft eingegangen, um sich gegenseitig abzusichern, um für einander da zu sein, gerade wenn es nicht gut läuft. Gerade weil die beiden Frauen eine eingetragene Partnerschaft eingegangen sind, ist eine Stiefkind-Adoption schlicht verboten!

Darf das sein? Nein, sagte der Nationalrat am Donnerstag. Nein sage auch ich sehr überzeugt. Nicht dass Sie denken, dass ich selber unbedingt ein Kind adoptieren möchte. Es geht nicht um mich. Ich wäre ein schlechter Vater. Aber nicht weil ich schwul bin und mit meinem Lebenspartner schon seit über 20 Jahre zusammenlebe. Ganz sicher nicht. Sondern weil ich als Nationalrat, kantonaler Parteipräsident und Geschäftsleiter einer kleineren NPO schlicht zu wenig Zeit hätte.

Und genau hier sind wir bei den wichtigsten Anforderungen an Eltern. Als da wären Zeit, Aufmerksamkeit, Verständnis – schlicht Liebe. Manchmal sicher auch Grenzen setzen. Es braucht auch finanzielle Mittel. Kinder sind teuer – gar keine Frage. Das alles sind Dinge, die Paare erfüllen können, egal ob es Mann/Frau-, Frau/Frau- oder Mann/Mann- Kombinationen sind. Dies bestätigen inzwischen schon zahllose Studien, nicht zuletzt aus den USA.

Gerade weil das so ist, haben schon verschiedene Länder in Europa die Adoption für gleichgeschlechtliche Paare erlaubt. Die Probleme blieben aus. Die Angst, dass etwa Kinder, die zwei Väter hätten, in der Schule gehänselt würden, ist kein Gegenargument. Natürlich lässt sich dies nie ganz ausschliessen. Nur: Kinder können aus den verschiedensten Gründen gefoppt werden. Das kann sein, weil die Mutter rote Haare hat, der Vater arbeitslos, das Auto der Familie zu klein oder die Wohnung an der «falschen» Strasse ist oder weil das Kind/der Jugendliche die falschen Markenschuhe trägt.

Auch das Argument, dass die Kinder sich einseitig entwickeln würden, weil ihnen zum Beispiel Frauen in der Umgebung fehlen würden, ist fadenscheinig. Glauben Sie, liebe Leserin, lieber Leser, dass ich und mein Lebenspartner «nur» mit schwulen Männern zusammenkommen? Ganz sicher nicht. Und da sind wir auch keine Ausnahme.

Was wären dann die Alternativen für Martin? Ein entfernter Onkel, den er kaum kennt? Ein Jugendheim? Das wäre sicher nicht im Interesse von Martin. Und genau darum geht es: das Kindswohl. Ich kann schon verstehen, dass die Vorstellung schwerfällt, dass zwei Männer zusammen ein Kind erziehen sollen. Das Bild ist neu. Daran muss man sich zuerst gewöhnen. Aber überall, wo die Adoption eingeführt wurde, wird sie heute nicht mehr infrage gestellt. Ganz einfach, weil die Schreckensbilder der Gegner nie eintraten.

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir möglichst vielen Kindern ein funktionierendes, sie liebendes Elternpaar ermöglichen müssen, egal, aus welchen Geschlechtern es zusammengesetzt ist. Der Grund dafür ist ganz einfach: Es ist schlicht zum Wohle dieser Kinder.

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