Der Kommentar: George Orwell hat sich geirrt. Aber nur im Datum. Die totale Überwachung jedes Einzelnen, die er in seinem Roman «1984» prophezeite, ist heute, dreissig Jahre später, Wirklichkeit geworden. Jedes Mal, wenn wir uns im Internet eine Website ansehen, jedes Mal, wenn wir über unser Mobiltelefon ein Gespräch führen, bei jedem Schritt, den wir in der schönen neuen Welt der elektronischen Datenvermittlung tun, schaut uns ein anonymer grosser Bruder über die Schulter.
Jede Spur, die wir in dieser Welt hinterlassen, wird in Datenspeichern registriert, jedes Fitzelchen, das wir dabei von uns selber preisgeben, wird dazu verwendet, uns zu überwachen, auszuspähen, uns als Sicherheitsrisiken kontrollierbar oder – genauso unmoralisch – als Konsumenten manipulierbar zu machen.

Bei Orwell war das noch eine erschreckende Zukunftsvision. Heute ist es Wirklichkeit. Und genau wie in seinem Roman funktioniert nicht nur die totale Überwachung, sondern auch der «Newspeak», die Methode, unangenehme Wahrheiten so lang umzuformulieren, bis sie zwar nicht mehr wahr, aber auch nicht mehr unangenehm sind.

«Überwachung»? So etwas würde den Patrioten von der NSA noch nicht einmal in den Sinn kommen. Nein, was sie tun heisst selbstverständlich «für Sicherheit sorgen», «Attentate verhindern», «die Freiheit beschützen». Und die Firmen, die aus unseren gestohlenen Daten ein Interessenprofil basteln, um uns mit zielgerichteter Werbung zuballern zu können, wollen selbstverständlich nicht ihre Profite maximieren, sondern nur ihre Dienstleistungen verbessern, um uns als Kunden noch besser bedienen zu können. Wers glaubt, wird selig.

Aber trotz dieser lauthals verkündeten hehren Zielsetzungen greifen all diese Behörden und Firmen unsere Daten doch lieber heimlich ab, zapfen Datenleitungen nur diskret an oder erschleichen sich – auch dies ein Triumph des orwellschen Newspeak – unsere Zustimmung, indem sie sie in ellenlangen Nutzungsbestimmungen verstecken, kunstvoll kompliziert abgefasst, um sicherzustellen, dass niemand sie liest, bevor er auf das entsprechende Kästchen auf seinem Bildschirm klickt.

Und wenn sie bei ihrem Datenklau ertappt werden, wenn wieder einmal ein Edward Snowden über ihre Machenschaften auspackt, dann versuchen sie die Tatsachen mit ihrem magischen Zauberwort zu vernebeln: «anonym» heisst es. «Wir erfassen diese Daten doch nur anonym.» Was etwa so logisch ist, wie wenn ein Taschendieb sich damit herausreden wollte, er habe sein Opfer ja nicht nach dem Namen gefragt und dessen Geld nur ganz unpersönlich aus der Brieftasche genommen. (Ganz abgesehen davon, dass sich aus einer genügenden Menge «anonymer» Daten die konkrete Person, von der sie stammen, jederzeit rekonstruieren lässt.)

Ach ja, und dann gibt es noch das Totschlagargument, das in dieser Debatte früher oder später immer fällt: «Worüber regen Sie sich eigentlich auf?», heisst es dann. «Wer nichts zu verstecken hat, hat auch nichts zu befürchten.» Man muss diese Argumentation nur aus der scheinbar blutleeren Welt des Internets in den Alltag übersetzen, um zu merken, wie falsch es ist. Sprechen Sie doch mal jemanden auf der Strasse an und bitten Sie ihn, Ihnen den Inhalt seiner Taschen zu zeigen. Mit dem Satz «Wenn Sie keine Pornobildchen mit sich herumtragen, muss Ihnen das doch nicht peinlich sein» werden Sie nicht weit kommen. Und auch mit «Geben Sie mir doch mal Ihre Kontonummer – solang dort kein Schwarzgeld liegt, muss Sie das ja nicht stören» werden Sie keinen Erfolg haben.

Deutsch und deutlich gesagt: Unser Privatleben wird ausspioniert und unsere Daten werden gestohlen. Orwell hat sich nur im Datum geirrt.
Und der Staat tut nichts dagegen, sondern macht sich mit Vorratsdatenspeicherung selber zum Komplizen. Wenn Sie in einem Kiosk einen Kaugummi mitgehen lassen, müssen Sie mit einer Anklage rechnen. Wenn Sie dem Kioskbesitzer seine persönlichsten Daten klauen, passiert Ihnen nichts. Die Gesetzgebung hat mit der technischen Entwicklung nicht Schritt gehalten.

Das Manifest der Schriftsteller fordert eine Konvention, die diesen Missbrauch von Internet- und Handydaten als das brandmarkt, was er ist: als Diebstahl. Als unerlaubten Eingriff in die Intimsphäre. Als Angriff auf unsere staatsbürgerlichen Freiheiten.

«Warum gerade die Schriftsteller?», fragen Sie jetzt vielleicht. Und da frage ich zurück: «Warum lassen sich die Schuhverkäufer das gefallen? Warum gehen nicht die Strassenbahnfahrer auf die Strasse? Warum protestieren nicht die Lehrer?» Warum nur die Schriftsteller? Warum nicht Sie?

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