Der Kommentar: Das Entsetzen über die Murdoch-Affäre, das vielerorts zur Schau gestellt wird, ist heuchlerisch. Erstens weiss man seit langem, dass britische Boulevardmedien mit illegalen Methoden arbeiten und beispielsweise Mobiltelefone abhören. Zweitens haben auch wir in der Schweiz in der Vergangenheit davon profitiert. So zum Beispiel, als eine der englischen Tageszeitungen seinerzeit den SMS-Verkehr zwischen Prinz Charles und seiner damaligen Geliebten und heutigen Frau Camilla gehackt hatte und daraus den unappetitlichen Satz von Charles zitierte: «Ich wäre am liebsten dein Tampon».

Ob der Prinz dies tatsächlich getextet hatte oder nicht, ist unsicher. Tatsache ist aber: Der Satz wurde auch in Schweizer Medien abgedruckt. Bedeutete dies, dass wir in der Schweiz gleiche Zustände haben wie in der englischen Boulevardlandschaft? Zum Teil. Auch Schweizer Medien treten die Rechte von Personen des öffentlichen Lebens – und manchmal sogar jene von nicht öffentlichen Personen – mit Füssen. Ob Kussfotos von besagtem Prinz Charles und seiner Freundin Camilla auf einem Parkplatz in Klosters oder Nacktfotos des früheren deutschen Tennisstars Michael Stich an seinem privaten Swimmingpool in Monte Carlo: Der «Blick» hat schon immer Paparazzifotos eingekauft und veröffentlicht. Teilweise mit gravierenden Folgen. Beim Nacktfoto von Michael Stich belief sich der Betrag, der zur Genugtuung und Vermeidung eines Prozesses bezahlt werden musste, auf rund 50000 Franken. Auch der «Tages-Anzeiger» musste schon teuer dafür bezahlen, weil er unverifiziert persönlichkeitsverletzende Gerüchte kolportiert hatte. Ebenso muss das öffentlich-rechtliche Schweizer Fernsehen schon wegen rufschädigender Berichte geradestehen.

Anders als in England verhält es sich in der Schweiz mit dem Kauf von Informationen. Dass für brisante Interna vier- bis sogar fünfstellige Summen bezahlt werden, kann zwar auch bei uns vorkommen. Aber nur sehr selten. Und dabei geht es um Informationen, die von Privatpersonen gekauft wurden – nicht um die aktive Bestechung von Polizisten, anderen Staatsbeamten oder Politikern.

Dass «heisse» Informationen bei uns den Medien in der Regel gratis angeboten werden, hat zwei Gründe: Erstens ist der Konkurrenzdruck nicht so hart wie in England, und zweitens gibt es wenige Länder, in denen die Beziehungskorruption so ausgeprägt ist wie bei uns in der kleinen Schweiz. Tatsache ist, dass insbesondere auf dem politischen Parkett die gewählten Volksvertreter und die Journalisten, die sie kontrollieren sollten, meist alle per Du und miteinander emotional eng verbandelt sind. Nur selten wird das Bedürfnis nach Nähe, das die meisten Politiker gegenüber Medien verspüren, für Aussenstehende so gut sichtbar wie 1993, als die «Schweizer Illustrierte» eine Reportage über den damaligen Bundesrat Kaspar Villiger publizierte. Was in dem Bericht stand, war weniger wichtig wie das Bild dazu: Es zeigte den Verteidigungsminister als Beifahrer auf einer vom damaligen Politchef der «Schweizer Illustrierten», Jürg Zbinden, gelenkten Harley-Davidson.

Kann man der Zeitschrift einen Vorwurf machen? Kann man es dem Haus Ringier, das die «Schweizer Illustrierte» und den «Blick» herausgibt, ankreiden, wenn ihm an seinem alljährlichen Gala-Abend während des Filmfestivals in Locarno immer auch ein bis zwei Bundesräte ihre Referenz erweisen?

Keineswegs. Die Einzigen, die es dafür zu kritisieren gilt, sind die Politiker, die zur opportunistischen Zementierung ihrer Macht vor keiner Art der Anbiederung zurückschrecken und damit der Beziehungskorruption mit den Journalisten Tür und Tor öffnen.

Die Medien ihrerseits müssen sich aus einem anderen Grund Vorwürfe gefallen lassen: dass viele von ihnen – getrieben von der Gier nach einer «geilen» Schlagzeile – immer unkritischer und distanzloser gegenüber ihren Informanten geworden sind. Die so genannte «Watergate-Regel», wonach nur Informationen publiziert werden sollten, von deren Wahrheitsgehalt man überzeugt ist, wird heute von immer weniger Journalisten und Chefredaktoren befolgt. Stattdessen glauben sie, ihren Job getan zu haben, wenn sie einer mit Vorwürfen konfrontierten Person die Gelegenheit gegeben haben, dazu Stellung zu nehmen.

Im Gegensatz zu unserem Rechtsstaat gilt für Personen, die in die Schlagzeilen geraten sind, de facto nicht mehr die Unschulds-, sondern die Schuldvermutung. Bevor wir uns also über die englischen Medien und Politiker empören, sollten wir uns selbstkritisch mit den hiesigen Verhältnissen auseinandersetzen.

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