Wir reagieren mit Wut, Trauer, Empörung auf diese Tragödien. Das ist richtig, löst aber keine Probleme. Wie lässt sich vermeiden, dass jeden Tag Flüchtlinge ums Leben kommen? Die EU beruft Konferenzen ein, Regierungen und Parteien reden von Sofortmassnahmen, und doch wissen alle: Es gibt keine Lösungen, die helfen, den Zustrom der Flüchtlinge rasch zu bremsen. Jeder weiss, solange das Wohlstandsgefälle so gross bleibt, solange in Nordafrika und im Nahen Osten Krieg und Chaos herrschen, wird der Strom nicht kleiner werden.

Die gewaltigen Dimensionen dieser «neuen Völkerwanderung», wie sie der deutsche Soziologe Gunnar Heinsohn in der «Nordwestschweiz» nannte, machen Angst. Noch ein Gefühl also: Wir spüren nicht nur Wut, Trauer und Empörung, sondern auch Angst. Die Vorstellung, dass halb Afrika und der halbe Nahe Osten nach Europa strömen, ist nicht nur wegen der schieren Zahl der Migranten beklemmend. Sondern auch, weil diese Menschen aus einer anderen Kultur stammen, oftmals aus der islamischen, mit Wertvorstellungen, die mit den unsrigen schlecht vereinbar sind.

Was tun? Die Politik und auch die Bevölkerung müssen sich zunächst zweierlei eingestehen: Erstens, dass es keine einfachen Rezepte gibt, und zweitens, dass kein Land für sich allein die Probleme lösen kann. Gemäss einer Umfrage fordern 45 Prozent der Schweizer die temporäre Schliessung der Grenzen. Aber auch diese grosse Minderheit, die das verlangt, ist sich wohl bewusst, dass sich selbst auf diese Weise nicht verhindern liesse, dass die Flüchtlinge Wege hierher fänden.

Das heisst nicht, dass Europa und die Schweiz alle hereinlassen sollen. Das würde unsere Gesellschaft nicht ertragen und die so wichtige Integration verunmöglichen. Aber es kommen ja auch nicht alle: Vier von fünf Flüchtlingen erreichen Europa nie, sondern landen anderswo, meist in einem Nachbarland. In Europa stehen 1900 Einheimische einem Asylbewerber gegenüber. Im Libanon ist das Verhältnis 3:1! Das kleine Land beherbergt 1,1 Millionen Syrer, die Türkei 1,7 Millionen.

Die Flüchtlingskrise spaltet die Schweiz. Die einen wollen möglichst viele aufnehmen, die anderen am liebsten keine. Die einen wollen Herz zeigen, die anderen Härte markieren. In der jetzigen Situation braucht es aber beides. Als wohlhabendes Land müssen wir unseren Beitrag leisten, und das tun wir auch: Die Schweiz nimmt eine angemessene Zahl Asylbewerber auf, und sie behandelt sie anständig – auch dank dem Engagement von Freiwilligen. Doch es geht auch nicht ohne Härte. Unverständlich ist beispielsweise, warum Eritreer für Ferien in ihre Heimat zurückkehren können, wenn sie dort angeblich an Leib und Leben bedroht sind. Da ist etwas faul. Ebenso, wenn aufgenommene Asylbewerber so viel Sozialhilfe erhalten, dass sich Arbeit für sie nicht lohnt. Herz zeigen geht nur, wenn die Solidarität nicht missbraucht wird.

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