Der Kommentar: Ich gehöre einer Generation an, die in der Schule zum Muttertag Gedichte auswendig lernte. Sie handelten von Frauen, die sich aufopferten im Dienste ihres undankbaren Nachwuchses, der leider erst merkte, was ihm fehlte, wenn das «treue Mutterherz» gebrochen war. In der Regel waren die Mütter alt, und wenn sie Pech hatten, sogar taub. «Mütterlein», schrie ich deshalb muttertags frühmorgens an Mutters Bett, «leg deine müden alten Hände für einen Tag in deinen lieben Schoss.» Weiter kam ich nicht. Meine sehr junge Mutter schoss aus dem Tiefschlaf und fragte, was das denn für ein Unsinn sei. Seither bin ich traumatisiert von dick aufgetragenem Muttersein samt selbst gepflückten Wiesensträussen.

Doch die Parlamentsdebatte über die SVP-Familieninitiative hat gezeigt: Das Mutterbild aus unseren Schulgedichten hat sich hier festgesetzt. Wie anders kann ich mir die Verächtlichkeit für die Hausarbeit erklären und für diejenigen, die sie tun? Das in die Debatte eingeführte Wort «Herdprämie» ist ein Affront gegenüber all jenen Frauen und Männern, die ihre Kinder selbst betreuen und einen Haushalt managen. Jahrelang habe ich dies selbst getan. «Ha ghört, bisch dehei. Machsch denn nüüt meh?», hat mich damals jemand gefragt.

Wer am Herd steht, ist nichts wert. Ausgerechnet die SP masst sich an, eine «Arbeit» schlechtzumachen, ausgerechnet FDP-Exponenten übernehmen die Diktion der Herdprämie und schreiben uns vor, wie eine «ideale Arbeitsweise» zu sein hat. Wahlfreiheit: ein Fremdwort bei den Liberalen! Einmal mehr habe ich mich geärgert über den Showdown zwischen jenen, die «ausschliesslich» Hausarbeit leisten, und jenen, die Familie und Erwerbsleben verbinden.

Wir sollten nicht in diese Falle tappen, gerade wir Frauen nicht, und allen Familienmodellen Sorge tragen. Aus liberalen Gründen. Sozialen. Familienpolitischen. Und auch im Sinne der Emanzipation. Wer seine Kinder selbst betreut, erbringt alles andere als eine minderwertige Arbeit. Diskriminierend ist die Abwertung der Arbeit, und diskriminierend ist der Zweifel an der Entscheidung dieser Menschen, diese Arbeit zu leisten.

Zugegeben: Aus steuersystematischen Überlegungen kann man darüber diskutieren, inwiefern es gerecht ist, dass man von nicht generiertem Einkommen Abzüge machen darf. Aber es gibt auch die gesellschaftspolitische Argumentation. Dass man die Hausarbeit angemessener entschädigen soll, steht für mich ausser Frage. Man sollte sich Gedanken machen, wie Familienarbeit besser anerkannt wird und wie die Zeit, die jemand damit verbringt, nicht zur Biografielücke verkommt. Nach wie vor liest man in keiner Jobausschreibung: «Erfahrung im Management eines Haushaltes erwünscht».

Ich habe die Ablehnung des CVP-Familienartikels sehr bedauert. Integration von Eltern ins Erwerbsleben gehört zu den Grundsätzen einer modernen Gesellschaft. Es ist auch ein volkswirtschaftlicher Unsinn, dies nicht zu tun. Verstanden habe ich den Volksentscheid so, dass die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie gewünscht wird, jedoch kantonal geregelt werden soll. In diesem Sinne werde ich mich einsetzen für bessere Schulzeiten und offene Schulhäuser als möglichst kostenneutrale Tageszentren für jene Kinder, die eine Betreuung nötig haben. Und ich werde mich für die Aufwertung der Familienarbeit einsetzen, indem diese beim Wiedereinstieg ins Erwerbsleben oder bei einer späteren Aus- oder Weiterbildung konsequent und der grossen Aufgabe adäquat angerechnet wird.

Die SVP hat den Familienartikel der CVP aufs Vehementeste bekämpft. Dass ich die SVP-Initiative trotzdem unterstütze, hat nichts mit Nächstenliebe zu tun – die Idee des Eigenbetreuungsabzuges kommt in einigen Kantonen aus unseren Reihen. Im Übrigen bleiben der Partei mit der «Staatskinderparanoia» diesmal keine Gründe, die Vorlagen der CVP abzulehnen. Wer bereit ist, aus der Staatskasse mehr als eine Milliarde für die traditionellen Familien springen zu lassen, soll erklären, weshalb man die Kinderzulagen nicht von den Steuern befreien und die verfassungswidrige Diskriminierung von verheirateten Paaren gegenüber unverheirateten beseitigen soll. Willkommen im gemeinsamen Abstimmungskampf für die Familien. Ein Spaziergang wird es nicht.

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