Der Kommentar: Es ist eine verkehrte Welt: Seit Jahren wandern Deutsche in die Schweiz aus, weil sie vor tiefen Löhnen, hohen Steuern und der steigenden Arbeitslosigkeit flüchten. Nun wirbt Deutschland plötzlich um Schweizer Arbeitslose – und unsere Ämter helfen dabei.

Das tönt abstrus. Denn eingeladen wurden ausgerechnet Berufsleute, die der Schweizer Wirtschaft schon jetzt an allen Ecken und Enden fehlen: Ingenieure, Wirtschaftsberater, Ärzte, Pflegepersonal. Fakt ist aber, dass es auch in diesen Berufen Arbeitslose gibt. Warum, ist nicht bekannt. Das ist aber kein Grund, ihnen nicht sämtliche Chancen aufzuzeigen, die es auf dem Arbeitsmarkt gibt.

Dazu gehört auch die Arbeitssuche in einem anderen Land. Insofern hat die Aktion doch eine gewisse Berechtigung: Wenn nur zehn Arbeitslose dank dieser schweizerisch-deutschen Jobbörse eine neue Stelle gefunden haben, ist das erfreulich.

Trotzdem bleibt ein schaler Nachgeschmack. Es wird hier ein enormer Aufwand für einen höchst ungewissen Erfolg betrieben. Ist das angesichts der knappen Ressourcen, über welche die Arbeitsämter immer klagen, wirklich die richtige Priorität? Und wer profitiert davon? Es macht
jedenfalls hellhörig, dass die Initiative für die Aktion von Deutschland ausging und nicht von der Schweiz.

Fraglich ist auch, ob die Arbeitsämter wirklich alles getan haben, um den Arbeitslosen zu helfen, in der Schweiz eine Stelle zu finden. Zweifel sind leider angebracht. Ich kenne Arbeitslose, die schlechte Erfahrungen mit den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) gemacht haben. Sie empfanden deren Einsatz eher als bürokratische Schikane denn als Hilfe.

Ausserdem kommt die Aktion zur Unzeit: Ausgerechnet jetzt, wo die Arbeitslosigkeit schneller zurückgeht als erwartet, vermittelt die Schweiz bestqualifizierte Fachkräfte nach Deutschland. Sie werden uns in der Hochkonjunktur fehlen. Ironie der Geschichte könnte sein, dass wir dann auf noch mehr deutsche Mitarbeiter angewiesen sind.