Der Kommentar: Das Ritual wiederholt sich jeden August: Kaum beginnt in der amerikanischen Hauptstadt die parlamentarische Sommerpause, eröffnen Kommentatoren die Hatz auf Präsident Barack Obama. Letztes Jahr stand der Präsident in der Kritik, da er im Kampf gegen die Ölpest zu wenig energisch aufgetreten war. Dieses Jahr ist die Liste der angeblichen präsidialen Fehlgriffe noch länger: Sie beginnt bei A wie Arbeitslosigkeitsbekämpfung und endet bei W wie Wirtschaftsankurbelung. Selbst Anhänger Obamas sind mit dem Demokraten höchst unzufrieden.

Doch es wäre falsch, deshalb bereits den politischen Nachruf auf Barack Obama zu schreiben. Erstens dauert es noch eine ganze Weile – mehr als 14 Monate –, bis die Amerikaner im November 2012 an der Wahlurne ihr Urteil über seine Amtszeit abgeben. Das kommt in der schnelllebigen amerikanischen Innenpolitik einer Ewigkeit gleich. Zweitens hat Obama in seiner vergleichsweise kurzen politischen Karriere mehrmals bewiesen, dass er zu Höchstform aufläuft, wenn er mit dem Rücken zur Wand steht. Und drittens fehlt den oppositionellen Republikanern derzeit eine Führungsfigur, hinter der sich die Parteiflügel sammeln könnten.

Zugegebenermassen agiert das Weisse Haus derzeit ungeschickt. Das zeigte die verzweifelt anmutende Bus-Tour durch Provinznester des Mittleren Westens, die der Präsident zu Wochenbeginn unternahm. Dass Obama aber kritisiert wird, weil er ausgerechnet jetzt in die Familienferien aufgebrochen ist, ist unnötig. Es zeigt einzig: Derzeit kann es der amerikanische Präsident niemandem recht machen.

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