Filmemacher Samir wollte, ebenfalls vor laufenden TV-Kameras, Verständnis für die Muslime schaffen. Doch die Sicherungen brannten ihm durch. Im «Club» fiel er den Minarettgegnern ständig ins Wort, pöbelte, zog Grimassen.

Grösse zeigt sich in der Niederlage. Kreis und Samir erweisen sich als schlechte Verlierer.

Es gibt aber auch gute Verlierer. Zu ihnen zählen die Rechtsprofessoren Jörg Paul Meier und Daniel Thürer. Sie engagierten sich gegen das Minarettverbot und zeigten sich enttäuscht über das Volks-Ja. Aber statt auf Wählerbeschimpfung zu machen, schauen sie vorwärts. Statt die Volksrechte infrage zu stellen, nutzen sie diese: Sie haben einen «Toleranz-Artikel» entworfen, der die heutige Verfassungsbestimmung über die Glaubens- und Gewissensfreiheit ergänzen soll. Und der das Minarettverbot überflüssig machen würde.

Professoren sind angreifbar, leicht kann man sie als weltfremd und elitär abtun. Sie mussten sich sogar als «Totengräber der Demokratie» beschimpfen lassen. Wer das tut, tappt in dieselbe Falle wie Georg Kreis und Samir.

Lesen wir erst einmal, was die Professoren wollen, bevor wir urteilen. Der «Toleranz-Artikel», den der «Sonntag» im Wortlaut veröffentlicht (Seite 2), klingt ganz vernünftig: Angehörige aller Religionen sollen auf das Empfinden der übrigen Bevölkerung Rücksicht nehmen, wenn es um Bauten, Kleidervorschriften, Aufrufe und Symbole geht. Die Initianten sprechen auch die Reizthemen Mädchenbeschneidung, Zwangsheirat und Verhüllung an.

Ist das weltfremd? Elitär? Oder kann es sein, dass der «Toleranz-Artikel» genau die Sorgen aufnimmt, die viele Schweizer zum Minarettverbot bewogen haben? Nach den Pöbel- und Klamauk-Diskussionen wäre nun eine echte Debatte darüber angezeigt.


Mensch Vonlanthen
Die Nachricht: Der 23-jährige FC-Zürich-Stürmer und Nati-Spieler Johan Vonlanthen ist wegen «persönlicher Probleme» in einem sportlichen Tief. Gerüchte, er sei einer Sekte beigetreten und werde aufhören mit Fussball, weist er zurück.

Der Kommentar: Johan Vonlanthen ist, von aussen betrachtet, der glücklichste Mensch. Er war der jüngste Nationalliga-A-Spieler (16-jährig), der jüngste Torschütze an einer Europameisterschaft (18-jährig), er spielte bereits als Profi in Holland, Italien und Österreich. Und er scheint auch sein privates Glück gefunden zu haben: In der People-Presse strahlt er an der Seite seiner attraktiven Ehefrau Rosa. Mehr als Johan Vonlan-then kann man mit 23 Jahren eigentlich nicht erreichen.

Und nun die Meldungen dieser Woche: Am Dienstag sitzt Vonlan-then beim Champions-League-Spiel gegen die AC Mailand auf der FCZ-Bank. Das Gerücht macht die Runde, er sei einer evangelikalen Freikirche beigetreten und trete als Fussballer zurück. Nach längerem Schweigen publiziert Vonlanthen auf seiner Homepage eine Mitteilung, in der er die Sektengerüchte dementiert, aber auch einen bemerkenswerten Satz sagt: «Im Moment beschäftigen mich persönliche Probleme, verbunden mit dem Gedanken an meine langfristige Zukunft.» Deshalb seien seine Leistungen «ungenügend». Bisher kannten wir den Fussballer Vonlanthen. Jetzt erleben den Menschen Vonlanthen.

Gewiss hat Vonlanthens Krise sehr individuelle Ursachen: Der in Kolumbien geborene Doppelbürger ist nirgendwo richtig zu Hause, hatte wohl zu früh zu viel Erfolg. Und doch ist der Fall typisch für unsere Leistungsgesellschaft: Haben nicht viele erfolgreiche und vermeintlich glückliche Freunde, Kollegen und Chefs insgeheim «persönliche Probleme» und Zukunftsängste, grübeln, wie Johan Vonlanthen, endlos über Sinnfragen? Es passt nicht zu dieser Gesellschaft, darüber zu reden – die Fassade muss aufrechterhalten werden. Bis es nicht mehr anders geht.

Ein Vergleich ist nicht zulässig, aber es werden Erinnerungen wach an Erfolgsmenschen, die an Problemen zerbrachen, von denen die Öffentlichkeit und selbst nahe Freunde nichts wussten: Der deutsche Nationaltorwart Robert Enke warf sich vor den Zug, der Schweizer Bank-Bär-Chef Alex Widmer erhängte sich.

Hoffen wir, dass Johan Vonlanthens «persönliche Probleme» nicht gravierend sind. Dass er nach den Weihnachtsferien wieder ins FCZ-Training zurückkehrt. Den ersten Schritt zur Überwindung dieser Probleme hat er gemacht: Er steht zu ihnen. Dafür verdient er Respekt.