Bezeichnend für das Verhältnis zur Suisse Romande: Die Deutschschweizer Medien nahmen davon kaum Notiz .

Der Kommentar: Die Abstimmung vom 9. Februar gab wieder einmal Anlass, über die unterschiedlichen schweizerischen Kulturen zu sinnieren. Die nach dem Stimmenverhältnis gefärbte Schweizer Karte macht das abweichende Stimmverhalten der Suisse Romande auf den ersten Blick manifest. Was Alt-Bundesrat Blocher zur Bemerkung provozierte, unsere welschen Miteidgenossen seien etwas weniger schweizerisch als die Bürgerinnen und Bürger östlich des Röstigrabens. Damit ist er immerhin gnädiger als die «Weltwoche», welche die Romands als die Griechen der Schweiz verunglimpfte.

In der Westschweiz wurden diese Attacken mit einem Achselzucken zur Kenntnis genommen. Vor fünfzehn Jahren noch hätte man mit solchen Sprüchen einen Riesenaufruhr verursacht. Man sah sich damals vom hegemonialen Zürich bedroht. Der Höhepunkt der Krise war die Ankündigung der Swissair, den Flughafen Genève nicht mehr anzufliegen. Das war die Bestätigung des Feindbildes und der eigenen Opferrolle. Es folgte monatelange Polemik. Aus heutiger Sicht waren diese Vorfälle ein Segen für die Region. Man besann sich auf die eigenen Stärken. Der Flughafen Genève öffnete seine Gates für andere Fluglinien und wuchs seither wesentlich stärker als der Flughafen Zürich. Der von der Swissair verschmähte Flughafen ist für die Nachfolgegesellschaft Swiss wieder zur wichtigen Destination geworden.

Nicht nur der Flughafen, das ganze Bassin Lémanique hat an Dynamik und Selbstbewusstsein gewonnen. Sinnbild für die Aufbruchstimmung ist die EPFL. Ihr Campus ist in wenigen Jahrzehnten zu einem Zentrum mit enormer Ausstrahlung gewachsen. Technik und technische Berufe haben dank der EPFL in der Westschweiz wieder einen höheren Stellenwert. Spektakuläre Projekte wie das Human Brain Project, die Nachbildung des menschlichen Gehirns auf einem Computer, erzielen weltweite Aufmerksamkeit. Die Zusammenarbeit zwischen Hochschule und privater Wirtschaft ist unverkrampft, beide Seiten profitieren. Etwa mit dem Rolex Lerning Center, das zu fast der Hälfte von der privaten Wirtschaft finanziert wurde. Das von zwei japanischen Stararchitekten entworfene Gebäude ist ein Symbol für die Zukunftsausrichtung der EPFL, ja der Region. Während man am Lac Léman die Zukunft baut, diskutiert man in der Deutschschweiz noch immer über die Ethik von Kooperationen zwischen Wirtschaft und Hochschulen. Und den Stellenwert von medizinhistorischen Instituten.

Auch Zürich hat ein Kongresshaus. Es stammt aus der Zeit der Landesausstellung von 1939. Über einen Neubau wurde jahrelang debattiert, ein kühner Entwurf eines spanischen Stararchitekten wurde 2008 in einer Volksabstimmung abgelehnt. Letztes Jahr beschloss der Stadtrat, auf einen Neubau zu verzichten. Krasser könnte der Gegensatz nicht sein. Hier die Restauration eines Monuments der geistigen Landesverteidigung, dort ein Zeichen für Öffnung und Dynamik. Das Swiss Tech Convention Center in Lausanne hat 3000 Plätze. Der Innenraum kann in grössere und kleinere Räume unterteilt werden. Innerhalb einer Viertelstunde können die Sitzreihen versenkt werden, der Saal wird zur Ausstellungshalle oder zum Bankettsaal. An einer Seite des Centers sind 300 Quadratmeter Farbstoff-Solarzellen angebracht, sowohl als Energiequelle als auch als Sonnenschutz. Das Gebäude ruht auf 200 Pfählen, fünf davon dienen als Wärmeaustauscher und als Experimentierfeld für bodenmechanische Forschung. Das Zentrum ist für das erste Jahr schon fast ausgebucht.

Früher hatte man im Verhältnis zwischen den Landesteilen Feindbilder und Skandale. Heute nur noch gegenseitiges Desinteresse. Man fragt sich, was für den Zusammenhalt der «Willensnation Schweiz» besser ist. Aber wahrscheinlich hat Alt-Bundesrat Blocher recht: Die Dynamik in der Suisse Romande ist ganz und gar unschweizerisch.

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