Der Kommentar: Wer mit Mario Gmür ins Gespräch kommt, muss sich Zeit nehmen. Der Mann hat etwas zu sagen. Eloquent wechselt er noch so komplexe Themen. Ein unabhängiger und unbequemer Geist, der sich nie nach einem politischen Wind dreht. Mit Journalisten streitet sich Gmür gerne darüber, warum das Private nicht in die Medien gehört. Dazu zitiert der Autor von «Der öffentliche Mensch» gerne Oscar Wilde: «Früher bediente man sich der Folter. Heutzutage bedient man sich der Presse.»

Jetzt bedient sich Gmür selbst der Presse, um anzuprangern. Sein Gastbeitrag in der «Schweizerischen Ärztezeitung» ist darum so spektakulär, weil Gmür ein Insider ist. Er weiss, wovon er schreibt. Er hat so viele Straftäter begutachtet wie kaum ein anderer Psychologe. Er ist ein Kronzeuge. Doch was machen die Angegriffenen? Sie verweigern sich – wie Zürichs Justizdirektor Martin Graf. Sie delegieren die heikle Debatte – wie Gutachter Frank Urbaniok. Sie streiten Missstände ab, bevor sie überhaupt genau hingehört und hingeschaut haben.

Das ist sträflich, denn kaum ein anderes Thema dominiert die Politik in der Schweiz in den letzten Jahren so stark wie die Frage der Sicherheit. Davon zeugen die Verwahrungsinitiative, die Verjährungsinitiative und die Ausschaffungsinitiative. Wenn Gmürs beunruhigende Analyse nun einfach als Expertenstreit abgetan wird, ist das ein Fehler, der sich rächen könnte.

Es geht nicht darum, gegenüber Verbrechern einen Kuschelkurs einzuschlagen. Es geht auch nicht darum, die Kritik eines Gutachters zum Mass aller Dinge zu nehmen. Es geht schlicht darum, sicherzustellen, dass ethische Gebote eingehalten werden.

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