Ja, die Schweizerinnen und Schweizer fiebern mit bei der Bundesratswahl, und vor allem stimmen sie über alles ab – über den Kauf eines neuen Feuerwehrautos, Steuererhöhungen und den Bau des milliardenteuren Neat-Tunnels. Die Beteiligung der Bürger, so das Vorurteil, verzögert und verunmöglicht kleinere und grössere Vorhaben. Das Gegenteil ist wahr. Unsere Volksrechte machen grosse Würfe erst möglich.

In Deutschland, wo der Bürger ausser bei Parlamentswahlen nichts zu sagen hat, ist das Bahnhofprojekt «Stuttgart 21» blockiert. Hans-Jürgen Maurus schreibt in einem Beitrag für den «Sonntag», in seiner Heimat mache sich die Spezies des «Wutbürgers» breit, während sich in der Schweiz der Bürger mit dem Staat und seinen Projekten identifiziere – weil er sie nicht diktiert bekommt. Maurus’ Fazit: «Kleines Land – grosses Vorbild.»

Die Welt nimmt wahr, dass dieses kleine Land den längsten Tunnel der Erde gebohrt hat. Die chinesische Zeitung «Shanghai Daily» zeigte gestern auf der Frontseite ein grosses Bild des Durchstichs, samt Mineuren, «Sissi» und Schweizer Flagge. Eine Zeitung aus dem Land, das viele Wirtschaftsführer bewundern, weil dort grosse Projekte dank eines autoritären Regimes noch verwirklicht werden können. Bitteschön – das geht auch in einer direkten Demokratie!

Diese Handlungs- und Reformfähigkeit zu bewahren, ist für die Zukunft der Schweiz entscheidend. Die Kraft der Volksrechte kann auch bei künftigen Herausforderungen helfen. Die vielleicht grösste wird sein, wie wir auf die steigende Lebenserwartung reagieren, die unsere Sozialwerke trifft. In Frankreich gehen Hunderttausende gegen ein höheres Rentenalter auf die Strasse. In der Schweiz könnte ein höheres Rentenalter dereinst möglich werden – durch eine Volksabstimmung.