besorgter Auslandschweizer, aber auch Deutscher. Sie äussern den Wunsch, in die Schweiz zu ziehen – aus Angst vor Terror, oder darum, weil ihnen die Flüchtlingswelle unheimlich ist. Ähnliches berichtet man aus der Schweizer Botschaft in Paris.

Zumindest im Fall von Deutschland ist diese Reaktion auf den ersten Blick überraschend. Erstens wurde unser grosser Nachbar bislang nicht Opfer von Terroranschlägen. Zweitens ist Deutschland der Stabilitätsanker schlechthin in Europa, regiert von der ruhigen Hand Angela Merkels. Doch die Flüchtlingskrise destabilisiert nicht nur die Kanzlerin, sondern auch ihr Land. Und, verbunden mit den schrecklichen Ereignissen von Paris, den ganzen Kontinent. «Wankt Deutschland, dann wankt Europa», kommentierte gestern die «Süddeutsche Zeitung».

In dieser Zeit sehen viele Menschen die Schweiz als Hort der Sicherheit. Wie durch ein Wunder wurde unser Land von den ganz grossen Katastrophen des 20. Jahrhunderts verschont und bislang ebenso vom Terror, diesem grauenvollen Phänomen des 21. Jahrhunderts. Daran haben wir uns gewöhnt, uns eingerichtet in der Behaglichkeit. Doch zunehmend werden wir gestört in der warmen Stube: Draussen zischen Blitze, und der Sturm lässt die Fensterscheiben erzittern. Selbst unser Verteidigungsminister hat gesagt, es sei weniger die Frage, «ob» etwas passiere, sondern «wann».

Worum geht es jetzt? Unser liberaler Rechtsstaat muss zweierlei schützen: das Leben seiner Bürger. Und den Wert, einer freien und toleranten Gesellschaft anzugehören. Das Leben und zugleich die Freiheit zu schützen: Das ergibt Zielkonflikte. Unser Paris-Korrespondent Stefan Brändle schreibt: «Im Herzen des demokratischen Europa herrscht Ausnahmezustand, mit Polizeivollmachten, die nicht einmal mehr von der Justiz kontrolliert werden».

Es ist richtig, dass im Zweifel der Schutz des Lebens vor dem Schutz der Freiheit kommt. Auch in der Schweiz. Dieses Prinzip darf jedoch nicht dazu führen, dass Einschränkungen durchgeboxt werden, die am Ende bloss weniger Freiheit, aber nicht mehr Sicherheit bringen.
Um zu vermeiden, dass die Schweiz im Innern zu einem Überwachungsstaat mutiert, wird man die Asyl- und Grenzpolitik hinterfragen müssen. Islamistische Ankömmlinge müssen abgefangen werden. Zu dieser Einsicht sollte das Beispiel eines der Attentäter von Paris genügen: Er kam mit einem gefälschten syrischen Pass als Flüchtling nach Frankreich.

Naive Gutgläubigkeit hilft ebenso wenig wie eine simple «Schotten dicht»-Politik. Wir können uns in der warmen Stube nicht einschliessen. Der Islamische Staat ist eine internationale Organisation. Er kann nur international bekämpft werden. Dass vor einem Jahr drei IS-Kämpfer in der Region Schaffhausen verhaftet werden konnten, gelang durch einen Hinweis eines ausländischen Geheimdienstes. Vor allem aber kann die Bekämpfung des Grundübels – Bürgerkriege in Syrien und im Irak, Ausbreitung des IS-Kalifats – nur einer internationalen Koalition gelingen.

Natürlich stehen hier die grossen Staaten in der Verantwortung. Aber auch die Schweiz kann dank ihrer Neutralität und Glaubwürdigkeit als Vermittlerin ihren Beitrag leisten. Dass Aussenminister Didier Burkhalter aktiv wird, ist zu begrüssen. So wie alles zu begrüssen ist, was dazu beiträgt, unser Leben und unsere Freiheit zu schützen.

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