Die Nachricht:Der Gotthard-Tunnel wird an der Eröffnung von Geistlichen unterschiedlichster Religionen eingeweiht.

Der Kommentar:Kanonen segnen. Das war einmal. Motorräder segnen. Das gibt es immer noch. Klar, listige Geistliche argumentieren bei Materialsegnungen immer: Ich segne ja die Menschen, die dahinter stehen.

Das Gerangel, als religiöser oder weltanschaulicher Vertreter bei der Segnung des Gotthard-Basistunnels dabei sein zu dürfen, erscheint grotesk. Schon höre ich sie am Stammtisch witzeln, ob es nicht chic wäre, wenn auch ein Abgeordneter des Kaninchenzüchtervereins der Segnungscrew angehörte, denn es werden künftig gewiss auch Kaninchenzüchter durch den Tunnel fahren.

In der Gotthard-Legende fordert der Teufel zum guten Gelingen des Brückenbaus über die Schöllenenschlucht eine einzige Seele. Das moderne Loch kostete neun Menschen das Leben. Ob es wieder der Gehörnte war, der seinen Obolus einzog? Oder gar sein Gegenspieler? Es wäre nicht das erste Mal, dass Gott Menschenopfer verlangt.

Was hat Gott mit der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels zu tun, dass seine vermeintlichen Vertreter auf Erden sich darum reissen, in seinem Namen ein technisch beachtliches Bauwerk zu segnen? Wie soll Gott mit einem Segenswunsch von Menschen umgehen? Ihn postwendend erfüllen? Ihn garantieren? Für wie viele Jahre? Ihn ignorieren? Gott gerät in die Zwickmühle. Solche Fragen zu stellen, entspricht ohnehin nur menschlichen Vorstellungen. Biblisch verbrieft ist jedenfalls, dass Gott die ersten Menschen segnete. Ebensolches tat Jesus. Er segnete Kinder. Menschen zu segnen ist sinnvoll. Sie können, auf eine solche Weise vielleicht gestärkt, entsprechend hilfreich wirken. Material zu segnen, ist pervers. Ein Tunnel wird dadurch kein Deut besser. Wem soll ein Segen bei den Eröffnungsfeierlichkeiten gelten? Frau Leuthard? Frau Merkel? Herrn Renzi? Allen aktuell Feiernden? Oder den Reisenden, die in Zukunft durch den Tunnel sausen?

Es ist zu hoffen, dass sich nie ein schweres Unglück ereignet. Dazu könnte auch ein Konfessionsloser ein feierliches Wort sprechen. Neben dem Stolz über eine technische Meisterleistung wird eine diffuse Angst über dem Fest vom 1. Juni liegen, und manchen Fahrgast wird genau dieses Gefühl beschleichen, wenn er ins 57 Kilometer lange Loch verschwindet. Vor diesem Hintergrund erachte ich den Segen als ein Bannritual. Irgendwann wird sich gemäss dem Wahrscheinlichkeitsgesetz ein Unfall ereignen. Alle Unwägbarkeiten haben wir trotzdem nicht im Griff. Darum der Segen am Gotthard?

Die beiden christlichen Landeskirchen erscheinen mit ihrer Segnungsgeschichte am Gotthard leider erneut in einem schiefen Licht. Abgesehen davon, dass die Christkatholiken – immerhin die dritte offizielle Landeskirche – auch eine Vertretung zugute hätten, sehe ich es nicht als vordringliche Pflicht der Kirchen, einem staatlichen Bauwerk die religiöse Aura zu verleihen. Wenn doch, müssten sich zumindest die Würdenträger der monotheistischen Religionen bewusst sein, dass nicht sie die Segnenden sind, sondern Gott allein. Wenn dem so ist, zeugt das gezeigte Prestigegehabe von unziemlicher Überschätzung. Profilierungswünsche zwischen den Konfessionen wirken deplatziert. Die monotheistischen Religionen hätten ein starkes Zeichen gesetzt, wären sie mit einer einzigen Stimme aufgetreten.

Bei aller Kritik: Den Religionen erwächst sehr wohl eine Chance. Sie liegt nicht im Segensritual, sondern in einem markigen Wort. Es würde das Anliegen der alttestamentlichen Propheten aktualisieren. Sie haben die Gesellschaft immer davor gewarnt, überheblich zu werden. Deshalb wäre es sinnvoll, ein Religionsvertreter trüge dieses kritische Moment mutig in die Festgemeinde hinein. Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung und schon gar nicht ist er selber Gott. Statt sich mit Weihwasser zu bespritzen, müssten die Feiernden vom Wort Demut berührt werden.

Anders gesagt: Die Kirchen haben am Gotthard nicht zu segnen. Ihre Aufgabe ist es vielmehr, in allen Bereichen der Gesellschaft segensreich zu wirken.

*Josef Hochstrasser ist Theologe, Erwachsenenbildner und Buchautor.

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