Der Kommentar: Edwy Plenel war ein französischer Trotzkist. Er brachte es bis zum Chefredaktor der angesehenen Tageszeitung «Le Monde». Von dieser Position aus versuchte er den Staat umzukrempeln, bis er sich mit dem Herausgeber Jean-Marie Colombani überwarf und ging. Danach gründete er das Internet-Journal «MediaPart». Dieses deckte zahlreiche Affären im Umfeld des gaullistischen Präsidenten Nicolas Sarkozy auf, was diesen bis zur Weissglut reizte. «MediaPart» galt als links – bis es jetzt auch enthüllte, dass der sozialistische Budgetminister Jérôme Cahuzac heimlich Geld auf ein Schweizer Konto abgeführt hatte. Er musste zurücktreten.

Seither ist klar, dass «MediaPart» alle Affären recherchiert, gleichgültig, ob sie rechten oder linken Regierungen anzulasten sind. Präsident François Hollande kann sich nicht in Sicherheit wiegen.

Genau so sollte es sein. Medien nehmen eine Kritik- und Kontrollfunktion wahr. Wegen ihr sollten sie alles unter die Lupe nehmen, was die Bevölkerung als Unrecht empfinden muss – ob in Parteien, Verbänden oder Unternehmen, ob in der Verwaltung, im Kulturbereich, im Sport oder in der Kirche, ohne Rücksicht darauf, ob die verantwortlichen Personen den recherchierenden Journalistinnen und Journalisten ideell nahestehen oder nicht. Der Zürcher Nationalrat Christoph Mörgeli, der als Professor eine ganze Anzahl von medizinhistorischen Dissertationen durchgewinkt hat, die lediglich Transkriptionen von alten Texten waren und keine eigenständige wissenschaftliche Leistung aufwiesen, erhebt jetzt den Vorwurf, dass linksgerichtete Medienschaffende ihn fertigmachen wollen. Der Walliser National- und Staatsrat Oskar Freysinger, der in seinem privaten Büro eine deutsche Reichskriegsflagge aus der Kaiserzeit aufgehängt hat, die vielen Neonazis als Wahrzeichen gilt, sagte lediglich, die Fahne habe er gekauft, weil sie ihm gefallen habe. Im Übrigen schweigt er.

Gehen die Medien einseitig auf die SVP los? Recherchieren sie besonders hartnäckig, wenn sie vermuten, dass bei Exponenten dieser Partei etwas nicht in Ordnung ist? Es macht zumindest den Anschein. Dies kann zwei Gründe haben: Entweder häufen sich bei der SVP in letzter Zeit tatsächlich die Affären. Oder die Medien sind blind für Unregelmässigkeiten der politischen Mitte und Linken.

Die erste These geht von Skandal-Konjunkturen aus: Die Affären sind nicht immer parteipolitisch gleichmässig verteilt. In jüngster Zeit war vor allem die SVP betroffen, kamen doch die Zürcher Nationalräte Bruno Zuppiger und Alfred Heer, der Neuenburger Nationalrat Yvan Perrin, der Zuger Unternehmer Manuel Brandenberg sowie eben Christoph Mörgeli und Oskar Freysinger ins Gerede. Ende der Siebziger- Anfang der Achtzigerjahre aber waren die Medien voll von Affären der CVP – wegen des Savro-Bauskandals im Wallis, wegen der Titelschwindelaffäre des Bündner Regierungsrats Reto Sciuchetti oder wegen der Steueraffäre des Bündner Ständerats Gion Clau Vincenz. 1988/89 konzentrierten sich die Medien ganz auf die FDP wegen der Affäre rund um Bundesrätin Elisabeth Kopp. Und vor einiger Zeit beherrschten Affären aus der SP die Medien, nämlich jene um die Alkoholexzesse und Gewalttätigkeiten der Neuenburger Stadträtin Valérie Garbani oder jene um den Berner Nationalrat Ricardo Lumengo, dem Wahlfälschung vorgeworfen wurde.

Die zweite These nimmt an, dass die Medien bei der SVP schärfer hingucken und Linke schonen. Dies könnte darin begründet sein, dass sich die Medienleute etwas linker positionieren als der Durchschnitt der Bevölkerung und dass sie deshalb Themen aufgreifen, bei denen die SVP schlecht aussieht. Dabei kann man es sich wie Christoph Mörgeli billig machen und eine Verschwörungstheorie aufstellen, wonach sich die Medien mit allen möglichen anderen Kritikern der SVP verbünden. Etwas ernsthafter wäre der Nachweis, dass die Medien Affären aus anderen Parteien verschweigen. Gerade konzessionierte Radio- und Fernsehsender sind ja gehalten, über die Zeit die Vielfalt der Ereignisse und Ansichten zu spiegeln. Sie sind allerdings in der Wahl ihrer Themen frei, und es dürfte unbestritten sein, dass beispielsweise eine Reportage über Oskar Freysinger auf grosses Interesse im Publikum stösst. Erst recht frei – bis hin zur Einseitigkeit – sind die Print- und Onlinemedien. Bliebe indes stets nur die SVP im Medien-Visier, dann wäre dies nicht im Sinne der Kritik- und Kontrollfunktion. SVP-kritische Medien müssten daher noch beweisen, dass sie auch gegenüber Linken keine Berührungsängste haben.

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