Der Kommentar: Nach dem Mord an Lucie haben die Aargauer Behörden gehandelt. Justizvollzug und Bewährungshilfe wurden reformiert. Kernstück der Neuerungen: die Gruppe für Sonderdienste, die bei besonders schweren Fällen entscheiden soll, ob jemand auf Bewährung freigelassen wird. Ein richtiger Ansatz. Aber er kann keine Sicherheit bieten, dass sich ein Fall Lucie nicht wiederholt.

Warum das so ist, lässt sich exemplarisch aufzeigen an Daniel H., dem Mörder der jungen Frau. Wie allen auffälligen Straftätern hat man ihm Therapien verordnet. Eine Massnahme, auf die im Strafvollzug und in der Sozialarbeit geschworen wird. Gern werden Nutzen und Wirksamkeit dieser Behandlungsmethoden gepriesen. Ein Tabu sind aber die negativen Folgen: die Gefährlichkeit, die von Therapierten ausgehen kann. Es wird totgeschwiegen, welche Macht Daniel H. dank seinem Therapiewissen auf Bewährungshelfer, Sozialarbeiter und selbst Psychiater ausüben kann.

Dutzendfach habe ich als früherer Sozialarbeiter erlebt, wie raffiniert Therapierte ihre Helfer um den Finger wickeln können. Sie wissen genau, wie sie das Vertrauen der Therapeuten gewinnen können. «Er hat angenehme und gewinnbringende Umgangsformen», attestierte ein Psychiater damals dem jungen Daniel H. Nach dem Mord an Lucie tönte es dann so: Daniel H. verstehe es, seine Betreuer zu täuschen. Er sei ein perfekter Lügner.

Machen wir uns nichts vor: Auch die neu geschaffene Abteilung Sonderdienste wird nicht davor gefeit sein, dass sie Therapiefüchsen wie Daniel H. auf den Leim geht und falsche Entscheide fällt.

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