Den nächsten Match sah ich mir am TV an. Das Relegationsspiel der deutschen Bundesliga zwischen Herta Berlin und Fortuna Düsseldorf war eine hoch emotionelle Angelegenheit. Fortuna erzielte das erste Tor. Die Fans aus dem Sektor der Berliner warfen massenweise brennende Fackeln auf das Spielfeld und zündeten Knallkörper. Die Düsseldorfer Fans antworteten ebenfalls mit bengalischen Feuern. Das Spiel musste zehn Minuten unterbrochen werden. Kurz vor Ende des Spiels stürmten Düsseldorfer Fans das Spielfeld. Ein Abbruch konnte nur dank dem umsichtigen Schiedsrichter verhindert werden.

Fassen wir die Tatsachen zusammen: Die immer wieder martialisch verkündete Nulltoleranz-Strategie lässt sich offensichtlich nicht durchsetzen, jedenfalls nicht mit den heute im Einsatz stehenden Mitteln. Pyros, vor allem wenn sie geworfen werden, sind ausgesprochen gefährlich. Die Rechtsgrundlage ist nicht glasklar. Vor zwei Jahren hat der Solothurner Nationalrat Kurt Flury eine Motion eingereicht, um in diesem Bereich Rechtssicherheit herzustellen. In seiner Antwort meint der Bundesrat, er wolle zunächst die Gerichtspraxis auf kantonaler Ebene beobachten. Die Motion wurde im Plenum bis heute nicht behandelt. Vor allem aber: Pyros sind zum Symbol der Hardcore-Fans geworden. «Wir lieben die Pyrotechnik. Und: Wir werden sie uns nicht nehmen lassen.»

Es gibt in dieser Situation grundsätzlich drei Handlungsmöglichkeiten. Erstens weiterfahren wie bisher. Zweitens die Nulltoleranz nicht nur deklarieren, sondern durchsetzen. Oder drittens die Pyrotechnik im Stadion unter bestimmten Bedingungen zulassen. Ersteres heisst weiterhin fruchtlose Appelle über den Stadionlautsprecher verbreiten. Fackeln werden abgebrannt, ohne dass etwas geschieht. Das wäre die Kapitulation. Die zweite Möglichkeit bedingt eine grundsätzliche Anpassung der Sicherheitsphilosophie mit Polizeipräsenz in den Stadien und Durchgriff in den Kurven. Aber: Haben wir genügend Kraft dafür? Im Vergleich mit Deutschland sind die Bestände unserer Polizeikräfte bescheiden und auch in Deutschland gelingt das Durchsetzen der Nulltoleranz offensichtlich nicht.

Die dritte Variante würde eine präzise Definition des Erlaubten und eine Übernahme von Verantwortung durch die Fanszene erfordern. In Deutschland existiert eine Bewegung «Pyrotechnik legalisieren – Emotionen respektieren». Von ihr stammt dieses Zitat. Aber auch folgendes: «Wir wissen um die Risiken, die der Einsatz von Pyrotechnik mit sich bringt. Bei verantwortungsbewusstem und vernünftigem Umgang sind diese Risiken allerdings auf ein Minimum reduzierbar, auch das ist unser Ziel. Schluss mit Böllern, Kanonenschlägen und sonstigen Knallköpern. Pyrotechnik gehört in die Hand, auf keinen Fall in die Luft. Leuchtspurgeschosse sind ebenso tabu wie die Entsorgung von bengalischen Feuern in den Innenraum, aufs Spielfeld oder in Nachbarblöcke.» Im Gegenzug zur so definierten Legalisierung bietet die Bewegung die Übernahme von Verantwortung in der Umsetzung an.

In einem schweizerischen Fussballblog war zu lesen: «Wenn die Kurve einmal keine Probleme mehr macht, ist der Fussball nicht mehr, was er heute ist.» Trotzdem, was bleibt anderes übrig, als den Versuch zu wagen?

Die Nachricht: Im Oktober 2011 warf ein FCZ-Fan eine brennende Fackel in den Sektor der GC-Anhänger. Darauf wurde das Spiel, das als «Schande von Zürich» in die Fussballgeschichte eingegangen ist, abgebrochen. Nun hat das Bezirksgericht Zürich den Fackelwerfer mit einer bedingten Freiheitsstrafe von zwei Jahren und einer Busse bestraft. Gleichzeitig hat in Zürich und Basel ein Dialog zwischen Behörden und Fans zur Entkriminalisierung von Vorfällen mit Feuerwerkskörpern begonnen. Der Präsident der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren meint, das sei ein Irrweg.

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