«Frust!»

Frage: Weshalb wenden sich vermehrt Bankangestellte mit Indiskretionen an die Presse, wenn der Finanzplatz schrumpft und viele Arbeitsplatzverluste drohen?


Antwort von Oswald Grübel: Spätestens vor zwei Jahren war klar, dass die Finanzindustrie in Zukunft schrumpfen wird. Die Gründe dafür waren eine stagnierende Wirtschaft und neue Vorschriften in Bezug auf Bankenkapitalisierung und Bankenliquidität. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, wo die ersten Massnahmen umgesetzt werden müssen. Für die Banken bedeutet das in erster Linie Kosten senken, und zwar stärker als je zuvor. In keiner anderen Branche haben die Personalkosten einen höheren Anteil an den Gesamtkosten, weshalb die Arbeitsplatzverluste überdurchschnittlich hoch ausfallen werden. Dazu kommt das Spannungsverhältnis bei den Grossbanken, zwischen den unterschiedlich Gewinn bringenden Sparten. Die profitablen sehen nicht ein, weshalb sie ihre Kosten reduzieren sollten und diejenigen, die Verluste machen, argumentieren, dass es nur kurzfristig sei.

Normalerweise werden diese Konflikte von der Geschäftsleitung gelöst, aber diese hat sich mitten in den Konflikt gebracht und ist selbst uneins. Es geht um Bonuszahlungen, auch wenn das Resultat weniger als mittelmässig ausfällt, und um die Herausgabe persönlicher Daten der Mitarbeiter an die USA, ohne sie vorgängig um ihr Einverständnis gebeten zu haben. Dadurch hat die Geschäftsleitung zumindest einen Teil ihrer Glaubwürdigkeit bei den Angestellten verloren. Viele Angestellte mussten erkennen, dass ihre Loyalität zur Firma mit Füssen getreten wurde, und sie greifen zur einzigen Waffe, die sie ihrer Meinung nach noch haben, um die Zustände transparent zu machen. Sie wenden sich an die Medien.

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