Der Kommentar: Die Schlussfolgerungen des SMBBerichts dürfen mit Fug und Recht als irritierend bezeichnet werden. Gleichzeitig irritiert aber mancherorts auch der harsche Ton, in welchem der Bericht seinerseits kritisiert und jeder Einwand gegenüber den heutigen Mammografie-Screenings zurückgewiesen wird. Im Wissen darum, wie schwierig es ist, heikle Debatten nüchtern zu führen, empfehle ich nichtsdestotrotz mehr Sachlichkeit. So stellt sich beim Thema Brustkrebs kaum ernsthaft die Frage, ob Früherkennung richtig ist – sondern welche Früherkennung richtig ist. Und diesbezüglich liefert der SMB-Bericht (vielleicht widerwillig) beste Argumente für eine Weiterführung bestehender Screening-Programme bei gleichzeitiger qualitativer Verbesserung.

Jede zehnte Frau erkrankt im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs. In der Schweiz sind es jährlich rund 5400 Erkrankungen, 1400 dieser Frauen sterben daran. Früherkennung verdient höchste Priorität – denn je früher Brustkrebs erkannt wird, desto besser sind im Allgemeinen die Prognosen: Die Behandlungsmöglichkeiten sind vielfältiger, das Risiko einer notwendigen Brustamputation ist kleiner, die Überlebenschancen sind grösser.

In den meisten Kantonen der Deutschschweiz dominieren heute «opportunistische Früherkennungsuntersuchungen». Sie erfolgen – auf eigenes Verlangen oder auf Anraten des Arztes – fallweise und sind keinen obligatorischen Qualitätskriterien unterstellt. Demgegenüber bestehen in der Westschweiz sowie in den Kantonen St. Gallen, Graubünden, Thurgau und Bern freiwillige, aber systematische Früherkennungsprogramme für Frauen zwischen 50 und 70 Jahren. Diese Screenings unterliegen Qualitätsstandards, die Daten werden erfasst und evaluiert. Der grosse und wissenschaftlich erhärtete Nutzen dieser Programme liegt darin, dass sie das relative Risiko, an Brustkrebs zu sterben, um 20 Prozent senken. Das Potenzial für eine Verbesserung der Brustkrebsbekämpfung durch eine Ausweitung dieser Programme auf die ganze Schweiz ist also gross, wie auch der SMB-Bericht deutlich festhält: «Bezogen auf die weibliche Wohnbevölkerung der Schweiz im Alter von 50 bis 69 Jahren würden ca. 200 Frauen pro Jahr weniger an Brustkrebs versterben, eine 100%ige Teilnahmerate am Mammografie-Screening-Programm vorausgesetzt.»

Warum mag der zitierte Bericht die Programme nun trotzdem nicht empfehlen? Weil er die unerwünschten Wirkungen höher gewichtet als international anerkannte Gremien und darum ein schlechteres Kosten-Nutzen-Verhältnis errechnet. Darüber kann man sich wundern, klar. Und ärgern: über veraltete Daten, die eigenwillige Methodik, die Vernachlässigung sozialer und liberaler Aspekte wie Chancengerechtigkeit oder Rechtsgleichheit sowie die Tatsache, dass ein echter Vergleich von Programmen mit opportunistischen Modellen unmöglich ist, weil bei Letzteren Daten und Qualitätskontrollen zum Teil gänzlich fehlen.

Der Ärger, so berechtigt er ist, darf aber nicht die einzige Reaktion sein. Weitaus sinnvoller ist die konstruktive Auseinandersetzung mit der Frage, wie unerwünschte Wirkungen reduziert und bestehende Programme weiter verbessert werden können:

> Beispiel Falschbefunde: Reduzieren lässt sich das Risiko falscher Befunde in kontrollierten Screenings deutlich besser als bei opportunistischen Modellen. Qualitative Vorgaben wie das Einholen einer unabhängigen Zweitmeinung sind denn eine Selbstverständlichkeit bestehender kantonaler Programme. Es spricht aber nichts dagegen, weitere Verbesserungen anzupeilen: So verlangen aktuelle EU-Richtlinien, dass eine(r) der beiden involvierten Radiologen(-innen) mindestens 5000 Mammografiebilder pro Jahr zu interpretieren hat. Davon sind wir in der Schweiz noch weit entfernt.

> Beispiel Krebsregister: Wirkung und auch volkswirtschaftliche Effizienz voll entfalten können nur Programme, deren Daten in vergleichbarer Form registriert und schweizweit ausgewertet werden.

Der Bund liess sich bisher unnötig viel Zeit mit Bestimmungen, die Einheitlichkeit und Qualität erhöhen und so die Programme stärken. Wenn die Debatte dazu führt, dass dieser wichtige Prozess endlich beschleunigt wird, so entfaltet der SMB-Bericht eine ungeahnte Nebenwirkung: eine, die vielleicht nicht Ziel der Publikation war, die aber sehr wohl im Interesse der Gesamtgesellschaft liegt.

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