Freies Unternehmertum braucht Grenzen

Die Nachricht: Deutschlands Bundespräsident Joachim Gauck sprach diese Woche am «Führungstreffen Wirtschaft» in Berlin. Auszüge aus seiner bemerkenswerten Rede.

Der Kommentar: Auch ich gehörte eine Zeit lang zu jenen, die beim Stichwort Regulierung vor allem glaubten: Weniger ist mehr. Meine Grundeinstellung hat sich nicht verändert. Ich liebe die Freiheit. Ich bin nicht bereit, sie der Angst zu opfern. Auch in Krisenzeiten dürfen wir nicht glauben, zukunftsfähig zu werden, indem wir der Wirtschaft die Freiheit nehmen, die sie starkmacht. Aber der Einschnitt 2008 hat einen Irrtum offenbart. Warum haben wir uns in den 1990er-Jahren den «schlanken Staat» auf die Fahnen geschrieben? Weil wir hofften, mit weniger Bürokratie das Wachstum zu fördern. Echtes Wachstum, keine Scheinprosperität, keine Masslosigkeit. Im Bankensektor und an den globalen Finanzmärkten war dies in mancher Hinsicht leider ein Fehler! Die wichtigste Botschaft der Beflaggung hätte dem handlungsfähigen und handlungswilligen Staat gelten müssen! Stattdessen haben wir Freiheit und Verantwortung auseinanderdriften lassen und müssen sie nun wieder enger zusammenführen, ja: führen!

Verantwortlich handeln heisst jetzt: aus Freiheit ein Freund von Grenzen zu sein! Wenn sich einige wenige die Freiheit nehmen, für nichts Verantwortung zu tragen, zerstören sie die Voraussetzungen der Freiheit – die Voraussetzungen der Freiheit, die gerade die Wirtschaft braucht. Dazu gehört der Staat, dessen primäre Aufgabe es ist, Regeln zu setzen und durchzusetzen. Dazu gehört eine Gesellschaft, die Regulierung und effektive Aufsicht neu wertschätzen lernt. Und dazu gehört eine breite gesellschaftliche Debatte darüber, was wir wollen und was nicht.

Zum Beispiel im Finanzsektor. Vieles ist angestossen, aber der Wildwuchs im Finanzsektor ist bis heute nicht beseitigt. Grundsätzliche Veränderungen tun weiterhin not. Immerhin teilen Politik und Wirtschaft ein Grundverständnis: Der Finanzsektor muss dringend aufgeräumt werden. Ziel muss es sein, dass einzelne Banken nicht mehr ganze Staaten an den Rand des Abgrunds führen können. Die Politik versucht zwar zu regulieren, aber leider gibt es über Mass und Prinzipien der Regulierung international noch wenig Einigkeit, und offenbar ist die Politik den Banken oft unterlegen.

Mit der Anstrengung, neue und überzeugende Regeln zu finden, ist das Thema Akzeptanz verbunden: für mich der Schlüsselbegriff der zweiten Verantwortungsform von Unternehmen, Verantwortung nach aussen. Akzeptanzförderung bedeutet mehr als gute PR oder Arbeit am Image.

Akzeptanzförderung ist die nachhaltige Auseinandersetzung mit den eigenen Werten. Mit Haltung ist also nicht Edelmut gemeint. Haltung zeigt sich, wenn Führungskräfte in Firmen verstanden haben, dass Glaubwürdigkeit ein unverzichtbarer Teil ihres Unternehmenskapitals ist, so wie Glaubwürdigkeit untrennbar zum Bankengeschäft oder zum politischen Mandat von Politikern gehört. (…)

Dass nicht nur Geld und Ressourcen, sondern auch unsere sozialen Werte auf dem globalen Marktplatz zur Disposition stehen, haben noch nicht alle verstanden. Es geht um Menschenwürde, Menschenrechte, um Respekt und das Miteinander der Verschiedenen. Es geht um Demokratie, ihre Bürger und alle denkbaren Formen der Verantwortung. Es geht um die Fundamente unserer Freiheit!

Diese Werte dürfen wir nirgendwo abgeben – an keinem Fabriktor der Welt.

Bangladesch, Budapest und Berlin gehören zu einer Weltwirtschaft. Den Spielraum verantwortlich handelnder Unternehmer prägt auch das Verantwortungsbewusstsein der Kunden. Mit dem Kassenbon kann man schlimme Zustände zementieren. Oder positiv ausgedrückt: Konsumenten haben eine enorme Marktmacht. Wo Handys zum Lifestyle werden, sind Produktionsbedingungen immer öfter nicht egal. Man kann morgens um fünf Uhr für das neueste Gerät anstehen. Man kann aber auch einen ganzen Tag lang vor dem Laden gegen unmenschliche Arbeitsverträge protestieren.

Wie lange greifen Europäer noch zur Jeans für 10 Euro, obwohl sie wissen, dass die Allerärmsten in Asien oder Lateinamerika einen hohen Preis dafür zahlen, mit ihrer Gesundheit oder ihrer Menschenwürde? Haltung darf sich nicht in Appellen erschöpfen. Haltung fordert handeln. Wo dies verinnerlicht wird, erfahren wir: Verantwortlicher Kapitalismus ist möglich.

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