Wer sich in diesen Tagen in der viertgrössten Stadt Deutschlands aufhält und sich mit den Menschen unterhält, der kommt fast nur auf ein Thema zu sprechen: Die massiven Übergriffe junger Asylbewerber, die zu über 1000 Anzeigen geführt haben, eingereicht von bedrängten, beklauten, begrapschten und vergewaltigten Frauen. Es herrscht grosse Wut auf die Täter, welche die offene Kultur ausnutzten für ihr mieses Spiel, so der Tenor.

Die Worte, die fallen, sind drastisch, aber es sind keine Fanatiker, die so sprechen, sondern das Kölner Bürgertum, das sind Anwälte, Lehrer und Ökonomen. In den Gesprächen kommen nicht nur die Flüchtlinge schlecht weg, in aller Härte wird auch die Arbeit der Polizei kritisiert. «Es ist ein komplettes Staatsversagen, das wir vor unseren Augen erlebt haben», sagte mir ein Freund. Die Staatsgewalt war nicht in der Lage, für minimale Sicherheit auf einem der belebtesten Plätze der Stadt zu sorgen. Der Gipfel dieses Versagens war das Communiqué der Polizei, wonach die Silvesterfeierlichkeiten in der Kölner Innenstadt «friedlich» verlaufen seien.

Warum es zu diesem Kollaps kam, darüber wird heftig debattiert. Die Polizei habe sich aus Spargründen aus vielen Stadtvierteln zurückgezogen. Kleine Polizeireviere seien zusammengelegt worden. Geschrumpft und marginalisiert, sei die Polizei nicht in der Lage gewesen, mit angemessener Härte auf die Gewaltexzesse «junger Männer mit Asylstatus» zu reagieren, wie die Täter offiziell genannt werden. Andere Stimmen glauben, dass die Polizei aus einem pervertierten Toleranzverständnis heraus beide Augen verschlossen habe.

Ein Skandal sei, dass niemand wisse, wie viele nicht-registrierte Flüchtlinge in Köln überhaupt lebten. Die Wut der Kölner richtet sich auch gegen die Politik und die grossen Parteien, die auch Wochen nach den Übergriffen das Thema totschweigen würden. Die Verkörperung dieser Schweigekultur ist Kanzlerin Angela Merkel. Damit überlässt sie Parteien am rechten Rand eine weite Flanke. Inzwischen kommt die AfD, deren Chefin mit einer Schiessbefehl-Forderung das Establishment aufschreckte, gemäss Umfragen auf einen Wähleranteil von 13 Prozent.

«Es gibt eine Zeit vor Köln und eine nach Köln», sagte mir ein Freund. An Karneval herrschte während fünf Tagen der ganz normale Ausnahmezustand. Das war wohltuend. In der offiziellen Pressemitteilung lobte der neue Polizeipräsident: «Mehr Polizei in der Stadt, Videoüberwachung, die Ausleuchtung besonders frequentierter Bereiche in der Dunkelheit und ein frühes Einschreiten der Polizei haben Wirkung gezeigt, die sich positiv auf die Bilanz auswirkt.»

Der Karneval ist vorbei. Doch es dauert noch lange, bis die Dom-Stadt zur Normalität zurückfindet.

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