Der Kommentar: Je mehr die Welt zum Durcheinandertal wird, desto stärker erschallt über die Schweizer Berge und im Mittelland der Ruf nach hilfreichen Einordnungen. Was dem Computer recht ist – Strom oder kein Strom, eins oder null –, kann doch für den Menschen nicht falsch sein. Vor allem, da die Welt bis zur Zeitenwende 1989, bis zum Zusammenbruch des sozialistischen Lagers mitsamt der Sowjetunion, bipolar erfasst werden konnte: Zwei grosse Imperien stritten um die Weltherrschaft. Von Globalisierung, einer Wirtschaftsgrossmacht China oder einem taumelnden Euro-Europa war noch keine Rede. Ebenso wenig von einer drohenden Kriegsgefahr, ausgehend von einer Konfrontation der USA, der EU und Russlands in einer ehemaligen Sowjetrepublik.

Im Herzen Europas liegt die Schweiz, autonom, aber nicht autark. In der bipolaren Welt zwar wirtschaftlich im Westen verankert und unter dem atomaren Schutzschirm der Nato, aber neutral. Wenn Ja und Nein der Supermächte aufeinanderprallten, bot sie ihre Guten Dienste an, Konferenzen in Genf, Rotes Kreuz, niemand verlangte von den Eidgenossen, Farbe zu bekennen. Die wirtschaftlichen Bande zum sozialistischen Lager waren überschaubar, von Oligarchen keine Spur. Auch als die einzig verbliebene Supermacht USA gegen die «Achse des Bösen» aufbrach, als die EU mit der Osterweiterung begann und Hegemonie in Europa anmeldete, meinte die Schweiz immer noch, dass es da vielleicht um Ja oder Nein ginge, sie selbst aber weiterhin in einem dritten Zustand verharren könne: neutral.

So schnell, wie sich Freiheitskämpfer heutzutage in Terroristen verwandeln können, so schnell werden binäre Unterscheidungen zwischen Freund und Feind obsolet. Wer hätte vor 25 Jahren gedacht, dass die Neutralität den Finanzplatz Schweiz als grössten Vermögensverwalter der Welt nicht vor Begehrlichkeiten und Übergriffen der hoch verschuldeten Staaten Europas schützen kann? Nicht nur die binäre Einteilung der Welt – guter Westen, böser Osten, Kapitalismus gut, Kommunismus schlecht – hat sich aufgelöst. Allgemeine Verwirrung herrscht. Repräsentiert nun die aktuelle ukrainische Regierung die Anliegen der Freiheitskämpfer auf dem Maidan-Platz und führt eine antiterroristische Aktion im Osten der Ukraine durch? Oder kämpfen dort die Separatisten gegen eine postfaschistische Putschregierung um ihre Freiheit? Binär schwer zu entscheiden. Schlimmer noch: Die Schweiz wird gedrängt, selbst binär zu werden: Strom oder kein Strom? Neutralität als Wackelkontakt, das gilt nicht.

Bis 1991 war es für die Schweiz wohlfeil, sich grundsätzlich einer westlichen Wertegemeinschaft verpflichtet zu fühlen, sich ansonsten aber mit Verweis auf ihre Neutralität aus allen Händeln herauszuhalten und in Ruhe Handel zu treiben. Jetzt wird sie mehr oder minder ultimativ aufgefordert, Solidarität zu zeigen, im Namen dieser Werte nicht abseitszustehen, sondern sich an wirtschaftlichen Strafsanktionen zu beteiligen. Wer diese Frage binär entscheiden will – Ja oder Nein –, beschädigt fundamental die Idee der Neutralität. Eigentlich Nein, aber keine Umgehungsgeschäfte! Das ist nur bauernschlau, aber keine Lösung.

Entscheidend ist: Wie überlebt die Schweiz als neutraler Kleinstaat das 21. Jahrhundert? Davon abgeleitet: Kann sie in einer nicht mehr bipolaren und sicher nicht binären Welt neutral sein, und, wenn ja, wie? Wenn das Ziel das Überleben ist – und um nichts weniger geht es –, dann braucht es einen Diskurs über die richtige Methode, die Entwicklung einer Theorie, eines Handlungsmodells, die analytische Überprüfung auf seine Richtigkeit und die Befolgung einer daraus abgeleiteten Strategie. Neutralität kann kein Selbstzweck sein, sondern ist ein Mittel zur Verteidigung von Schweizer Partikularinteressen, darunter in erster Linie, ein souveräner Rechtsstaat zu bleiben.

Daraus leitet sich ab, dass es keine nationenübergreifenden Wertegemeinschaften gibt, sondern nur das mehr oder minder zivilisierte Aufeinanderprallen von vielen Partikularinteressen. Hier hat die Schweiz mit ihrer jahrhundertealten Neutralität ein Alleinstellungsmerkmal in der Hand. Füllt sie das nicht mit neuem Inhalt, wird sie selbst zum «Durcheinandertal», verliert sogar ihre Existenzgrundlage. «Sie sollen nachdenken, Himmelsdonner», forderte Dürrenmatt vor 25 Jahren in diesem, seinem letzten Roman.

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