Fingerzeig

Was bleibt nach der Stinkefinger-Affäre um Griechenlands Finanzminister Yanis Varoufakis? Die Verwirrung und Aufregung um die gefälschte Fälschung der Varoufakis-Videosequenz durch TV-Satiriker Jan Böhmermann hat die viel zu oft von Realitäten und Relevanz abgekoppelte (Politik- und) Medienwirklichkeit brillant entlarvt. Eine Stunde null, die Raum schafft für Hoffnungen statt Häme.

Hoffnungen auf eine Trendumkehr der gefährlich vorangeschrittenen medialen Reduktion von Komplexität auf Nonsens und Nebensächlichkeiten, die nichts dazu beitragen, dass Europa – inklusive Schweiz – die richtigen Schlüsse zieht, um in der Welt von morgen zu bestehen. Hoffnungen auf Medien, die sich in der Rolle gefallen, im öffentlichen Diskurs kluge Debatten anzustossen und die richtigen Fragen zu stellen, statt nur Empörung zu bewirtschaften. Hoffnungen auf ein kritisches Publikum, das sich nicht in pauschalem «Lügenpresse»-Geschrei verliert, sondern Einordnung und inhaltliche Tiefe einfordert und auch honoriert. Hoffnungen auf Journalistinnen und Journalisten, die sich nicht im Dienst der Unterhaltungsindustrie sehen, sondern als selbstreflektierte Dienstleister einer aufgeklärten Öffentlichkeit.

Naive Hoffnungen? Wahrscheinlich. Mit seiner Satire hat Böhmermann uns allen den Stinkefinger gezeigt – dem Medienbetrieb, der Politik und ihren Protagonisten in diesem Medienbetrieb, den Journalisten, dem Publikum. Jetzt kommts darauf an, was wir aus dem Fingerzeig machen.

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