Erdbeben lassen sich nicht verhindern. Und Flüchtlingsdramen? Der «Tages-Anzeiger» kommentierte gestern defätistisch: «Wie man der Flüchtlingskrise auch begegnen will: Es gibt keine Lösung.» Das gilt wohl, zumindest in der kurzen Sicht, für die Probleme der Herkunftsländer. In Syrien herrscht Krieg; Libyen, wo die Schlepper am aktivsten sind, ist ein zerfallender Staat; Eritrea, Mali, Nigeria – alle haben ihre eigenen Probleme. Doch das gilt nicht für die Tragödien im Mittelmeer. Dass Woche für Woche Menschen im Mittelmeer ertrinken: Das ist nicht wie bei Erdbeben. Dieses Problem kann man lösen oder zumindest mindern. Nur fehlt es am politischen Willen. Italiens Staatschef Matteo Renzi sagte Anfang Woche an die Adresse der EU-Politiker: «Nach ‹Charlie Hebdo› habt ihr sofort reagiert, wart solidarisch, habt euch in Paris getroffen. Und wenn Hunderte Menschen sterben, soll nichts passieren?»

Um Tote zu vermeiden, muss in allererster Linie denjenigen geholfen werden, die in Seenot geraten. Eigentlich etwas Urmenschliches, eine Selbstverständlichkeit. Aber Silvio Berlusconi hatte einst die Hilfeleistung (nicht deren Unterlassung!) an Menschen, die in Seenot waren, unter Strafe gestellt: Zur Abschreckung sollte man die Schiffbrüchigen ersaufen lassen. Die EU wiederum war im Oktober 2014 nicht bereit, die italienische Rettungsmission «Mare Nostrum» weiterzuführen, die ein Jahr davor lanciert worden war, als vor Lampedusa 400 Menschen ertranken. Auf «Mare Nostrum» folgte darum «Triton», das primär der Sicherung der Aussengrenzen diente. Angeblich würden dadurch weniger Menschen die Flucht wagen, sagten die EU-Innenminister damals. Ein fataler Irrtum: Im Januar und Februar 2015 erreichten laut «Spiegel» doppelt so viele Flüchtlinge die italienische Küste als im Vorjahreszeitraum. Der traurige Beweis ist erbracht: Die Aussicht, im Notfall keinerlei Hilfe zu erhalten, hält Menschen, die nichts zu verlieren haben, nicht von einer Flucht ab.

Am sichersten sind die Menschen dann, wenn sie gar nicht erst ein Schlepperboot besteigen. Und auch hier ist die Politik nicht machtlos. Schlepper und Menschenhändler sind Verbrecher, sie sind keine Fatalität. Die EU-Mission «Atalanta» hat die Piraten am Horn von Afrika bekämpft; dass man erst jetzt ähnliche Aktionen gegen Schlepper starten will, ist unverständlich. Nun müssen den Ankündigungen der EU, aber auch der Schweizer Asylpolitiker Taten folgen. Diese Taten dürfen nicht aufhören, wenn die Leichen im Mittelmeer wieder aus der «Tagesschau» und aus den Zeitungen verschwunden sind.

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