Wenn also die vorpubertierende Tochter die neusten Converse-Turnschuhe haben will, weil sie darin chic aussieht, dann wird sie diese früher oder später auch bekommen – sie muss nur lange genug rumquengeln. Und der kleine Junge wird in der Badi auch eine zweite Cornet-Glace bekommen, wenn er nur laut genug rumschreit.

Kinder und Jugendliche sind sehr geschickt darin, ihre persönlichen Ziele zu erreichen. Sie warten die passende Gelegenheit ab, um ihre Wünsche zu platzieren. Ein nettes Lächeln, und schon zückt der Vater den Geldbeutel. Besonders leicht fällt das, wenn er nach einem langen Tag im Büro einfach nur einen stressfreien Abend im Schosse seiner Familie verbringen will.

«Carlos», ein delinquenter 17-jähriger Jugendlicher, setzt in dieser Disziplin neue Massstäbe. Weil er keine Lehre machen will, werden ihm Kampfsportstunden bezahlt. Wenn ihm danach ist, lässt er sich ein Rindsfilet servieren. Und weil es ihm guttut, pflegt er seine Achselhöhlen mit einem 47-Franken-Deo. Jeden erdenklichen Wunsch erfüllt ihm sein 10-köpfiges Betreuerteam. Insgesamt verschlingt die Rundumbetreuung 29 000 Franken pro Monat.

Auch Carlos weiss: Wer lange schreit, droht und brüllt, kommt schneller zum Ziel. Damit machte er den Zürcher Jugendanwalt Hansueli Gürber zur nationalen Lachnummer. Carlos führt in geradezu grotesker Weise vor, wohin es führen kann, wenn staatliche Behörden nicht auch mal in aller Härte Nein sagen können.

Alle Eltern wissen, wie schwer es fällt, dem eigenen Kind einen Wunsch abzuschlagen. Doch ihnen ist bewusst, dass dies oft nötig ist, auch wenn sie sich damit Ärger einhandeln. Die Profis in den Jugendanwaltschaften gehen lieber den bequemen Weg – und machen sich zum Narren.

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