FALL BÄR: MEDIEN SCHAUTEN WEG

Die Nachricht: Am 19. Januar kommt der frühere Bankangestellte Rudolf Elmer vor Gericht. Er hatte geheime Kundendaten der Bank Julius Bär ins Internet gestellt, was in mehreren Ländern Strafverfahren gegen Steuerhinterzieher auslöste.

Der Kommentar: Der Fall Julius Bär ist auch ein Stück Schweizer Mediengeschichte. Rudolf Elmer brachte das Bankgeheimnis ins Wanken. Doch was taten die Medien? Statt zu recherchieren und mit Elmer zu sprechen, stellten sie ihn als dubiosen und gestörten Datendieb hin, der sich aus niederen Motiven an seinem ehemaligen Arbeitgeber rächt.

Beispielsweise wurde Elmer in der Sendung «Rundschau» des Schweizer Fernsehens als psychisch kranker Mann vorgeführt, der sich in Widersprüche verstrickte. Was er der Bank Bär genau vorwarf, blieb unklar. Die «SonntagsZeitung» schrieb von einem «Datendieb», der wirre Briefe an Bankkunden, Steuerbehörden und Medien geschickt habe. Und: «Kenner des Falles sehen im mutmasslichen Täter einen an Verfolgungswahn leidenden psychisch Kranken.» Welche «Kenner» das waren, blieb unklar.

Auch die Zeitung «Cash» verbreitete die Mär vom «Datendiebstahl». Dabei konnte sie gar nicht wissen, wie es zum Datenleck kam – denn Elmer hatte ihr anonym eine CD geschickt. Später wurde bekannt, dass er die Daten nicht geklaut hatte, sondern dass sie ihm sein Arbeitgeber anvertraut hatte. Den Vogel schoss der Ringier-Verlag ab, als er gemeine Sache mit der Bank Bär machte: Er stellte ihr das Original der CD zur Erstellung einer Kopie zur Verfügung.

Ich konnte diese Woche ausführlich mit Elmer sprechen. Begegnet ist mir ein ganz anderer Mann, als er mir aus den Medien bekannt war. Elmer argumentierte ruhig, sachlich und differenziert. So verteidigte er das Bankgeheimnis – solange es nicht der Steuerhinterziehung dient. Und Elmer stand zu seinen Fehlern. Zum Beispiel hatte er gefälschte Dokumente ins Internet gestellt und Mitarbeiter der Bank Bär bedroht.

Zurück bleibt ein bitterer Nachgeschmack. Die meisten Medien haben die wahre Botschaft der Daten versteckt, die dank Elmer öffentlich wurden: Schweizer Banken haben Schwarzgeld-Strukturen aufgebaut, von der Steuerhinterzieher profitierten. Doch gehängt wird nicht der Dieb, sondern der Übermittler der schlechten Botschaft

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