Es sind frohe Nachrichten für Menschen jeden Alters: Wer das Glück hat, in der Schweiz geboren zu werden, lebt immer länger. Ein Mädchen, das heute auf die Welt kommt, wird durchschnittlich 85 Jahre alt werden. Heute fast nicht mehr vorstellbar: Im Jahr 1900 betrug die Lebenserwartung hierzulande nur gerade 46 Jahre.

Aber wir werden nicht einfach nur älter, wir sind im Alter auch deutlich agiler, aktiver und autonomer als früher. Das wissen alle, die ab und zu auf einem Tennisplatz stehen oder in den Alpen wandern. Ein 65-jähriger Mann darf heute damit rechnen, noch weitere 19 Jahre lang zu leben; eine gleich alte Frau sogar noch über 22 Jahre lang. Die Lebensphase, in der wir uns «in der Mitte des Lebens» fühlen, dauert längst über die Pensionierung hinaus. Das gilt besonders für die Schweizerinnen und Schweizer, die sich in einer Umfrage erst ab 79 Jahren als «alt» bezeichneten. Kein Wunder, haben doch Schweizer Männer die höchste Lebenserwartung weltweit.

Die steigende Langlebigkeit ist ein grosser Segen, der einen tiefgreifenden Kulturwandel mit sich bringt: Wir dürfen nichts weniger als das «Alter» neu denken und auch neu gestalten. Dazu gehört – und es ist höchste Zeit dafür –, die Finanzierung unserer Altersvorsorge nachhaltig zu sichern. Als die AHV 1948 eingeführt wurde, betrug die verbleibende Lebenszeit für einen 65-Jährigen im Durchschnitt sieben Jahre weniger als heute. Damals zahlten zudem sechs Erwerbstätige für einen Pensionierten, heute sind es noch drei. Wenn die Babyboomer (Jahrgänge 1955 bis 1964) in Rente gegangen sind, werden nur noch zwei Erwerbstätige auf einen Rentner kommen. Immer weniger Junge müssen also die Leistungen für immer mehr Ältere immer länger aufbringen.

Die Zeit drängt umso mehr, als mit den historisch tiefen Zinsen der Zinsertrag als «dritter Beitragszahler» (neben den Arbeitgebern und Arbeitnehmern) für die Versicherten in Zukunft kleiner ausfallen dürfte. Zwar wird er immer noch bedeutend sein, doch nicht mehr so wie früher, als etwa ein Drittel des Alterskapitals bei der Pensionierung aus Zinserträgen bestand.

Solche mächtigen Verschiebungen in der Bevölkerungs- und Finanzierungsstruktur können wir nicht ignorieren, wenn wir über die Zukunft der Altersvorsorge diskutieren. Klar ist: Die heute versprochenen Leistungen für die Zukunft übersteigen die Einnahmen. Wir leben bereits auf Kosten der kommenden Generationen. Schon heute bezahlt jeder Arbeitnehmer rund 1000 Franken pro Jahr an die Pensionskassen-Rente eines Pensionierten. Vier Milliarden Franken werden so jährlich von jung zu alt umverteilt. Diese Umverteilung widerspricht dem System des Pensionskassen-Obligatoriums, das 1985 eingeführt wurde.

Der Gesellschaftsvertrag zwischen den Generationen muss erneuert werden. Alles andere wäre unfair gegenüber unseren Kindern und Grosskindern. Die Instrumente dazu sind bekannt; schmerzfrei ist keines. Verständlich, dass die Rentendebatte mitunter hochemotional geführt wird. Wir von Swiss Life möchten uns unaufgeregt und faktenbasiert an dieser Debatte beteiligen.

Die Altersvorsorgereform 2020, die derzeit vom Parlament beraten wird, geht in die richtige Richtung: Wir werden nicht darum herumkommen, den Umwandlungssatz bei den Pensionskassen zu senken, weil das Vorsorgekapital sonst nicht mehr für eine so lange Zeit ausreicht. Wir müssen die Jüngeren dazu bringen, dass sie früher in die Pensionskasse einzahlen. Und wir müssen es mit finanziellen Anreizen den Älteren freistellen, den richtigen Zeitpunkt ihrer Pensionierung zu wählen, und uns von der starren Altersguillotine 65 lösen.

Doch die stetig zunehmende Langlebigkeit wird noch konsequentere Massnahmen erfordern. Auch wenn das für die jetzige Reform zu früh käme: Wir müssten die BVG-Beiträge mit zunehmendem Alter absenken, damit die über 50-Jährigen auf dem Arbeitsmarkt wettbewerbsfähig bleiben. Schliesslich brauchen wir eine neue Mentalität. Und dazu müssen wir uns alle bewegen. Die Wirtschaft muss umdenken und neue Arbeitszeit- und Lebensphasenmodelle entwickeln. Die Jungen müssen lernen, ihre langfristigen ökonomischen Interessen im Blick zu behalten und noch mehr in die private Vorsorge zu investieren.

Die neue Mentalität verlangt mehr Eigenverantwortung, aber auch Solidarität. Dabei müssen wir bedenken, dass die Menschen verschieden sind und ganz unterschiedliche Berufsleben hinter sich haben. Viele Menschen wollen länger arbeiten, aber können das gar nicht. Auch können längst nicht alle für die private Vorsorge mehr Geld auf die Seite legen. Ihnen gilt es als Gesellschaft auch künftig beizustehen.

Unser aller Ziel muss es sein, ein langes, selbstbestimmtes Leben in Würde führen zu können. Ich habe keine Zweifel: Junge und alte Menschen in der Schweiz werden sich gemeinsam dafür einsetzen, dass unser Vorsorgesystem allen Generationen gerecht wird.

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