Der Kommentar: Diese Frage zählt, weil laut Studien der Kaufmann Foundation in Europa ähnlich wie in den USA die Gesamtheit aller innovativen Start-ups – maximal fünf Jahre alte Unternehmen – mit netto je 3 Millionen neu geschaffenen Jobs die Volkswirtschaft in Schwung halten, während Unternehmen älter als fünf Jahre per saldo pro Kontinent jährlich rund 1 Million bestehende Jobs vernichten. Anders formuliert: Ohne hinreichenden Optimismus unter Start-up-Gründern und Investoren gehts mit der Wirtschaft bald wieder bergab. Deshalb ist einer wie Facebook-Gründer Marc Zuckerberg als Vorbild für die nachfolgende Gründergeneration eminent wichtig – und das bleibt er wohl.

Nach euphorischer Partystimmung und nachfolgendem Kater macht es Sinn, den Erfolg oder Misserfolg von Facebook nüchtern zu analysieren. Immerhin erwirtschaftete das 2004 gegründete Internet-Startup 2011 mit gut 2000 Mitarbeitern bereits 4 Milliarden Dollar Umsatz und 1 Milliarde Gewinn. Über 8 Milliarden Dollar Ertrag aus dem Börsengang fliessen wieder in die Wirtschaft, z. B. in 8000 neue Jobs und in weitere Übernahmen innovativer Start-ups wie Instagram. Der Börsenkurs hingegen ist volkswirtschaftlich irrelevant: Er indiziert nur den Preis, zu dem eine Aktie den Besitzer wechselt.

Das der Facebook-Börsengang aus kurzfristiger Sicht gröbere Mängel aufwies, kratzt die Szene der in 3- bis 6-Jahres-Zyklen denkenden Internet-Gründer und Investoren wenig. Wer Aktien nicht ein paar Jahre geduldig halten will, sollte wohl besser keine kaufen. 100 Milliarden Dollar Börsenbewertung war zum Zeitpunkt Mai 2012 offenbar 20 bis 50 Prozent zu hoch. Doch das ist in dieser dynamischen Branche ein üblicher Schätzungsfehler beim Pricing. Einige Indizien sprachen allerdings klar dafür, bei diesem Preis besser noch nicht zu kaufen: etwa das im Verhältnis zum Google-Börsengang 2004 rund doppelt so hohe Kurs-Gewinn-Verhältnis, der mit 10 Prozent geringe frei handelbare Aktienanteil und die Tatsache, dass zwei Drittel der ausgegebenen Aktien von verkaufswilligen bisherigen Insider-Aktionären stammten, die bei diesem stolzen Preis lieber Kasse machen wollten. Fazit: Für die Gründer und frühen Aktionäre war die Party ein Erfolg und damit ein positives Signal für Start-up-Macher, für die Ungeduldigen unter den Neuaktionären hingegen ein schwerer Kater.

Geduld ist für Aktionäre ein Muss: Nach zwei, drei oder sechs ernüchternden Jahren kann die Facebook-Aktie durchaus wieder steil steigen, ähnlich wie in der Schweiz Swissquote, in Deutschland Xing oder in den USA Amazon. Google oder allein Apple iTunes machen zwar pro Benutzer derzeit noch viel mehr Umsatz als Facebook, aber kein anderes Medium auf diesem Planeten bindet so viele Stunden menschlicher Aufmerksamkeit. Und wo die meiste Aufmerksamkeit ist, fliesst früher oder später auch das Geld hin in Form von Werbung und Online-Kommerz. Ausserdem ist Facebook dank Schnittstellen wie der Benutzeranmeldung Connect systemrelevant –ähnlich wie eine Grossbank, weil alle anderen Branchenteilnehmer am Leader «hängen».

Wie steht es nun also mit der Signalwirkung von Facebook auf die hiesige Gründerszene? Zunächst einmal ist der Börsengang in der engeren Internet-Szene längst nicht mehr der bevorzugte und erwartete Exit aus einer Start-up-Aktie. Einzig für soziale Netzwerke wie Mixi, Xing, LinkedIn und Facebook machte der Gang ans breite Publikum viel Sinn, weil es irgendwie unsympathisch wirkt, die Profile von Benutzern an ein mächtiges Unternehmen zu verkaufen. Ansonsten ist für Internet-Start-ups der Verkauf zu einem 2- und seltener 3-stelligen Millionenbetrag an einen strategischen Partner weitaus wahrscheinlicher, kostengünstiger und meist schneller realisierbar. Seit 2011 häufen sich auch hierzulande solche strategischen Verkäufe: Svox ging an Nuance, DeinDeal an Ringier, Doodle an Tamedia, Procedural an Esri, Trigami an eBuzzing und Umantis an Haufe.

Und die nächste Generation solcher Gründer steht dank nationalen Start-up-Support-Ökosystemen wie Venturelab und Venturekick bereits bereit – mit den erfolgreichen Gründern und Aktionären von 2011 als aktive private Wirtschaftsförderer. Einzig Investmentbanken und Anleger müssen nach dem Facebook-Börsengang über die Bücher: Weniger Gier, mehr Geduld und aktuelle Geschäftszahlen realistischer hochzurechnen, wäre angezeigt.

Gastkommentatoren äussern ihre eigene Meinung.

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