Experimente wagen

Der ehemalige Unternehmer Johann Schneider-Ammann wird 2016 Bundespräsident. Diese Woche kündigte er an, den Kampf gegen die Desindustrialisierung in den Mittelpunkt seines Präsidialjahres zu stellen. Das ist löblich: Der Industriestandort muss verteidigt werden. Doch nicht nur er ist bedroht. Noch stärker schrumpfen die Umsätze seit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses im Tourismus. Und im Gegensatz zu vielen Produktionsfirmen, die schnell reagiert haben, um wettbewerbsfähig zu bleiben, scheint die Tourismusbranche wie gelähmt. Nur die Preise bewegen sich. Nach oben. Es fehlt an Ideen, an Innovationen, an unkonventionellen Ansätzen. Dabei wären sie im Tourismus besonders wichtig, denn eine Möglichkeit, welche die Industrie hat, gibt es hier nicht: Verlagerung ins Ausland, um die Kosten zu senken.

«Verlagerungen» gibt es stattdessen bei den Gästen. Unsere Recherchen zeigen: Die Schweizer Destinationen werden vom deutschen Markt geradezu abgekoppelt. Deutschlands grösste Zeitung, «Bild», erwähnt in ihrem Winterreport Skigebiete aus aller Welt, übergeht aber die Schweiz. Die boomenden Fernbusse fahren fast überall hin, nur nicht ins Engadin, ins Wallis oder ins Berner Oberland. Die stolze Winternation Schweiz: Gäbe es nicht Lara Gut, würde sie in Deutschland in Vergessenheit geraten. Und selbst bei den Schweizern, der Stütze des Tourismus, bröckelt die Loyalität. Österreich legt bei den Eidgenossen zu, die Schweiz verliert.

Der ehemalige Bundesrat Adolf Ogi hat recht, wenn er sagt: «Hierzulande wurde der Ernst der Lage noch nicht erkannt.» Ein Grund liegt darin, dass – anders als in der Industrie – die Branche extrem kleinteilig organisiert ist und kleinräumig denkt. Zwar haben sich Skigebiete zusammengeschlossen, viele Regionen vermarkten sich besser als früher, aber der grosse Befreiungsschlag bleibt aus. Im Gegenteil: Quirligen Tourismusdirektoren, die unkonventionelle Wege gehen und Experimente wagen, werden Steine in den Weg gelegt, oder man jagt sie gar aus dem Amt.

«Einfach weiter so» funktioniert aber nicht. 1969 wurde James Bond auf dem Schilthorn gedreht, 2015 in Österreich. Am meisten geärgert hat das Adolf Ogi. Schweiz Tourismus sollte ihn als Berater holen.

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