Dieselbe Eveline Widmer-Schlumpf, die am Anfang dieses Prozesses stand, bewirkt jetzt, dass sich die SVP erneut verändert – ironischerweise in Richtung «alte» SVP, in der abweichende Meinungen wieder toleriert werden. Die radikalisierte Partei scheint sich, nachdem sie vom Volk bei den Ständeratswahlen abgewatscht worden war, zu öffnen. Anders ist die Nomination des SVP-Nationalrats Bruno Zuppiger für den Bundesrat nicht zu interpretieren: Zuppiger weicht bei einem Kernthema – der «Masseneinwanderungs-Initiative» – von der reinen Lehre ab. Auch in der AKW-Frage ist er nicht eindeutig auf SVP-Kurs. Zuppiger ist kaum rechter als Widmer-Schlumpf bei ihrer Wahl vor vier Jahren.

Dass das Trio Blocher/Brunner/Baader, welches den Takt vorgibt, in den höchsten Tönen von Zuppiger schwärmt und ihn als «Mann der Konkordanz» in die Regierung hineinloben möchte, wäre vor den eidgenössischen Wahlen vom 23. Oktober völlig undenkbar gewesen. Offenbar hört die SVP auch dann aufs Volk, wenn dieses anders will als sie: Es wies die kompromisslosen Parteipolitiker Adrian Amstutz, Caspar Baader, Christoph Blocher und selbst den gmögigen Toni Brunner in die Schranken. Sie scheiterten bei den Ständeratswahlen spektakulär. Zumindest für die Bundesratswahlen scheint das BBB-Trio daraus die Lehren gezogen zu haben. Das verdient Respekt.

Eveline Widmer-Schlumpf dürfte darob stille Genugtuung empfinden. Sie liess sich vom vierjährigen Sperrfeuer aus der SVP und der «Weltwoche» nicht zermürben: Die Attacken machten sie beim Volk nur beliebter. Die Bündnerin hielt durch und wurde bei den Wahlen belohnt. Nicht sie, die Ausgeschlossene, ist heute isoliert. Isoliert wurden bei den Ständeratswahlen die SVP-Stars. Genau dies führte zur Entradikalisierung der SVP, wie wir sie wenigstens ansatzweise beobachten – und zur Normalisierung des politischen Klimas.

Die Fortsetzung dieser Normalisierung wäre nun, dass die SVP einen zweiten Sitz im Bundesrat erhält. Die Chancen stehen zehn Tage vor der Wahl jedoch schlecht, falls die SVP bis zuletzt an ihrer Strategie festhält, die Toni Brunner in unserem Interview bekräftigt: Angriff nur auf den BDP-Sitz, nicht auf einen der beiden FDP-Sitze. Warum eigentlich?

SVP und FDP haben zusammen 40 Prozent Wähleranteil, wollen aber vier von sieben Bundesräten (also 57 Prozent). Eveline Widmer-Schlumpf wiederum ist zwar formell Mitglied einer 5-Prozent-Partei, faktisch vertritt sie aber eine Allianz aus BDP/Grünliberalen/CVP, die zusammen 23 Prozent auf die Waage bringen, was – zusammen mit Doris Leuthard – zwei Sitze rechtfertigt.

Mit der Nomination des konsensorientierten Bruno Zuppiger hat die SVP den ersten Schritt zur Doppelvertretung im Bundesrat gemacht. Der zweite wäre jetzt der Angriff auf einen FDP-Sitz.

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