Europa lässt uns nicht mehr los

Einmal im Monat lädt unsere Redaktion einen Gast ein, der die aktuelle «Sonntag»-Ausgabe kritisieren soll. Meist sind es Medienleute wie etwa Roger Köppel oder Roger Schawinski. Vergangenen Dienstag war der Politologe Claude Longchamp da. Ein Redaktor fragte, was aus seiner Sicht die wichtigsten Themen seien, über die eine Sonntagszeitung in Zukunft berichten müsse. Longchamp antwortete: «Die Beziehung der Schweiz zu Europa wird uns mehr denn je beschäftigen. Ebenso der Druck anderer Länder wegen Steuerfragen.»

Als der Politologe diese Aussage machte, ahnten wir noch nicht, was die Woche bringen würde. Gestern verbreitete die deutsche «Bild»-Zeitung die Nachricht, die Schweizer Bundesanwaltschaft habe Haftbefehle gegen drei deutsche Steuerfahnder erlassen, die 2010 die CS ausspioniert hatten – um Steuerflüchtlinge zu entlarven. Ein kaum erwarteter Eklat im Steuerstreit, der die Fronten zwischen der Schweiz und Deutschland weiter verhärtet. Zudem brachte unsere Bundeshausredaktorin Florence Vuichard diese Woche in Erfahrung, dass in der SP nun auf einmal der EU-Beitritt wieder zum Thema wird – nachdem dieser auch bei den Sozialdemokraten weitgehend tabuisiert worden war.

Claude Longchamp lag mit Voraussagen auch schon daneben, etwa bei der Minarett-Initiative, bei der er eine Ablehnung erwartet hatte. Doch mit seiner Langfristprognose dürfte er recht behalten: Die Europa-Frage wird unser Land in den nächsten Jahren nicht mehr loslassen. Der neue EU-Botschafter in Bern, Richard Jones, erklärte das Wort «Bilateralismus» gegenüber unserer Bundeshausredaktorin kurzerhand für gestrichen. Unser Königsweg wird zur Sackgasse, wir müssen unser Verhältnis zu Europa neu definieren. Wir kommen nicht umhin, die Frage zu klären: Wie retten wir unsere Souveränität, ohne ökonomisch Schaden zu nehmen?

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