Es sind die eigenen Mitgliedsländer, die der EU nicht mehr zutrauen, die Krise zu lösen. Darum handeln sie selbst, als gäbe es kein Schengen-Abkommen, als gäbe es keine EU. Österreich hat entschieden, die Zahl der Flüchtlinge zu begrenzen. Kurz darauf gaben Slowenien und Kroatien ein neues Grenzregime bekannt: Sie lassen nur noch Flüchtlinge in ihr Land, wenn diese nach Österreich oder Deutschland weiterreisen. In Dänemark beschloss das Parlament – mit den Stimmen der Sozialdemokraten wie der Rechtspopulisten –, dass Flüchtlingen künftig Wertgegenstände und Geld abgenommen werden.

Im Norden wie im Süden Europas hat ein Abschreckungs-Wettlauf begonnen. Doch was bringt das? Während Politiker am Freitag über die Krise diskutierten, ertranken im Mittelmeer 43 Flüchtlinge, darunter 17 Kinder. Kein Gesetz hält die Menschen davon ab zu fliehen. Im Januar dieses Jahres kamen bislang zwanzigmal mehr Flüchtlinge via Balkan nach Europa als im ganzen Januar 2015. Der «verstärkte Schutz der EU-Aussengrenzen», von dem die Politiker seit Monaten sprechen – blosses Gerede.

Es war in Davos kein Staatschef, der die Realität am besten auf den Punkt brachte, sondern ein Unternehmer aus Bahrain. Er sagte in einer Diskussion: «Wir haben im Nahen Osten viele grosse und kleine Assads. Ihr, die Big Guys im Westen, habt sie immer unterstützt. Solange sie da sind, werden die Menschen fliehen. Die USA wollen sie nicht. Also gehen sie nach Europa.» Multipliziert werde das durch die neuen Technologien: «Ein 10-jähriger Bub sieht auf dem Smartphone, wie schön es bei euch ist. Ich glaube, es werden noch viele Millionen Menschen zu euch kommen.»

Der Unternehmer hat recht: Die Weltgemeinschaft müsste alles tun, um das Problem an der Wurzel zu lösen. Sämtliche Kräfte und Mittel freimachen, um den Krieg in Syrien zu stoppen und den IS zu vernichten. Wo aber sind die Taten – die gemeinsamen Taten? Jedes Land macht Schadensbegrenzung für sich selbst. Angela Merkel will den türkischen Präsidenten Erdogan zum Schleusenwärter machen: Mit Milliarden abgespeist, soll sein Land die Überfahrt von Flüchtlingen in den EU-Raum verhindern.

Erleben wir das grenzenlose Europa in seinen letzten Zügen? Ist die EU, wenn sich die Staatschefs zum nächsten WEF versammeln, noch dieselbe wie heute? Ist Merkel im Januar 2017 noch Kanzlerin? Grossbritannien noch in der EU? Schengen noch in Kraft? Solche Fragen sind nicht mehr absurd. Und trotzdem: Es wäre nicht das erste Mal, dass sich die Kräfte, die Europa zusammenhalten, am Ende als stärker erweisen würden. Das haben wir beim Euro gesehen: Auf dem Höhepunkt der Griechenland-Krise raufte man sich zusammen. Heute spricht keiner mehr davon, der Euro werde auseinanderbrechen.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper