Die Schuldfrage hingegen, die ist für viele Beobachter geklärt. Es ist Griechenland, das sich mit einer jahrzehntelangen Defizitwirtschaft, einem aufgeblähten und teilweise korrupten Staatsapparat und mit dem Volkssport Steuerbetrug in die Sackgasse manövriert hat und nun – mit einer linken Chaos-Truppe in der Regierung – ganz Europa erpresst. Das stimmt zwar, ist aber nur die halbe Wahrheit. Ebenso wahr ist: Die EU hätte Griechenland nicht in den Euro aufnehmen dürfen, und ihre Institutionen sowie der Internationale Währungsfonds (IWF), bei dem die Schweiz mitzahlt, hätten Griechenland nicht immer und immer wieder Milliardenkredite geben dürfen. Es ist dieser Schuldenberg, der das Land nun erdrückt.

Die Vision eines vereinigten Europa ist grossartig, aber wenn eine Vision nur politisch und nicht auch ökonomisch Sinn macht, wird es teuer – oder gar gefährlich. Genau so ist es mit Griechenland und dem Euro. Wer darunter zu leiden hat, sehen wir in diesen Tagen: Weinende Rentner, die mit dem Sparheft vor verschlossenen Banken stehen, Autofahrer vor leeren Zapfsäulen und protestierende Jugendliche – die Arbeitslosigkeit bei den unter 25-Jährigen beträgt über 50 Prozent. Es ist die Folge einer übertriebenen, von EU und IWF verordneten Sparpolitik, über die Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder letzten Sonntag in dieser Zeitung sagte: «Analoge Massnahmen hätten in Deutschland zu einer Revolution geführt.»

Ein Europa, das sich als Solidargemeinschaft sieht, wird Griechenland nicht fallenlassen können. Zugleich ist unrealistisch, dass die Griechen ihre Schulden – 30 000 Euro pro Person, inklusive Babys und Rentner – je werden zurückzahlen können. Folgerichtig wird es wohl keine Lösung geben, ohne dass die Gläubiger einen Teil der Schulden erlassen. Alles andere würde zu einer weiteren Radikalisierung der griechischen Bevölkerung führen – und die EU schwächen, die im Fall Griechenland nun selbst bei den europafreundlichen Linken in der Schweiz an Unterstützung verliert.

Es wäre falsch, auf die uneinsichtigen «Pleite-Griechen» zu zeigen, sollten sie heute Nein stimmen. Gemäss Umfragen sind vor allem die Jungen dagegen – nicht aus Obstruktion, sondern in der Hoffnung auf einen Neuanfang. Der wäre in der Tat nötig, in Athen und in Brüssel.

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