Auch am anderen Ende der politischen Skala dominieren Gefühlswallungen die Debatte: Die Schlagworte lauten Geschlechtergerechtigkeit, tradierte Rollenmodelle, neue Gesellschaftsordnungen, verkrustete patriarchale Strukturen, die endlich weggesprengt werden müssen. So viel steht fest: Mit der Frauenquote lassen sich Emotionen vortrefflich hochschaukeln. Doch sowohl die liberalen Bedenkenträger als auch die Geleichstellungslobbyistinnen treffen den Nagel nicht wirklich auf den Kopf.

Wir können es drehen und wenden, wie wir wollen, am Ende bleibt die schwer zu widerlegende mathematische Gewissheit: Wir Schweizer werden bei einer Fruchtbarkeitsrate von lediglich 1,5 Kindern pro Frau früher oder später aussterben. Seit 2005 altert unsere Bevölkerung merklich. Viele offene Stellen im Gesundheitswesen sind Beleg dafür. Laut dem Basisszenario des Bundesamts für Statistik wird die Erwerbsbevölkerung trotz weiterhin steigender Gesamtbevölkerung spätestens ab 2021 schrumpfen. Es drohen Engpässe, die ganze Berufsstände betreffen werden, da der Nachwuchs fehlt.

Leider hat das auch mit den Frauen zu tun, die sich zu wenig stark im Berufsleben engagieren. Im internationalen Vergleich steht die Schweiz mit einem Frauenanteil an der Gesamtbeschäftigung zwar einigermassen gut da. Doch in den Augen der OECD könnte es die Schweiz besser machen. In einer kürzlich veröffentlichten Studie kommt sie zum Schluss, dass die Beschäftigung bei älteren Frauen deutlich abnimmt, ab 60 Jahren sogar dramatisch. Ältere Frauen, die keine Kinder mehr betreuen, arbeiten im Schnitt sogar weniger als junge Mütter, die Beruf und Familie unter einen Hut bringen müssen. Das ist absurd und zeigt, wie viel Potenzial brachliegt.

Was ist zu tun, will unser Land die Spitzenplätze in den internationalen Wettbewerbsranglisten verteidigen und nicht auf Teufel komm raus Arbeitskräfte aus dem Ausland rekrutieren? In einem modernen Management-Lehrbuch würde die Anleitung wohl lauten: Wir müssen das feminine Humankapital besser nutzen, wir müssen die Frauen fördern und dafür schauen, dass sie in Toppositionen hineinwachsen. Noch liegt der Anteil der Frauen auf Geschäftsleitungsebene bei börsenkotierten Schweizer Konzernen bei bescheidenen 10 Prozent – im Vergleich zum Ausland ein äusserst tiefer Wert.

Braucht es eine Frauenquote? Wohl nicht. Allein der demografische Druck wird dafür sorgen, dass der Frauenanteil steigen dürfte. Und auch die anstehende politische Debatte über die vom Bundesrat geforderte 30-Prozent-Quote dürfte den Effekt haben, dass mehr Frauen ins Top-Management befördert werden. Wie das Beispiel England zeigt, reicht bisweilen eine politische Drohung, um die Unternehmen zu einer Veränderung zu bewegen. Innerhalb der letzten drei Jahre schnellte dort die Frauenquote in Spitzenpositionen von 12,5 auf 20,4 Prozent.

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