Der Kommentar: Das Weisse Haus will sich nicht drängeln lassen. «Strategische Geduld» im Umgang mit Russland mahnte Susan Rice, die führende Sicherheitsberaterin von Präsident Barack Obama, am Freitag an. Und gestern Samstag sagte Vizepräsident Joe Biden, der Konflikt in der Ukraine lasse sich militärisch nicht lösen. Übersetzt heisst dies wohl: Washington mag beunruhigt sein über die blutige Offensive der prorussischen Rebellen im Osten der Ukraine. In den Augen der Präsidentenberater drängt sich aber keine Kurskorrektur auf – die wirtschaftlichen Sanktionen gegen Moskau greifen, und die Lieferung von Kriegsgerät an Kiew würde nur Öl ins Feuer giessen.

In der Tat ist es klug, wenn sich eine Weltmacht bei der Formulierung ihrer Ziele nicht von Horror-Meldungen leiten lässt. Das Weisse Haus will zudem eine Spaltung des Westens verhindern. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, die morgen Montag von Präsident Obama zu einer Unterredung in Washington erwartet wird, spricht sich entschieden gegen Waffenlieferungen an die regulären ukrainischen Streitkräfte aus.

Allein: Lange wird Obama diesen Balanceakt nicht fortsetzen können. Denn es sind nicht nur Republikaner in Washington, die sagen, Kiew sei mit Lippenbekenntnissen nicht geholfen. Auch der designierte Verteidigungsminister Ashton Carter verkündete diese Woche vor einem Senatsausschuss, er befürworte Waffenlieferungen. Bald wird sich der US-Präsident entscheiden müssen. Entweder er überlässt die Ukraine ihrem Schicksal – oder er weist Russland in die Schranken und stösst den Verbündeten in Berlin vor den Kopf. Allen Beteiligten kann es Obama nicht recht machen.

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